Reaktionen
Ein Übersetzer schreibt per E-Mail an den Kollegen:
Was ich Dir eigentlich erzählen wollte, ist, daß der Text des Buches [Das Bildnis des Dorian Gray], spätestens ab Kapitel 9, eine unglaubliche Zumutung darstellt, Zumutung für den Übersetzer––also Dich––der Du dabei offenbar eine sehr sichere Hand gehabt hast, um all diese kontextuell gottweißwohergeholten Idole der Schönheit in brillant komponierten deutschen Sätzen zu referieren. Zumutung aber auch für den armen Leser––mich zum Beispiel––der seitenlang diese nichtendenwollende Kaskade vom fin-de-siecle-Beschwörungen zur Kenntnis nehmen soll. Ich gestehe, daß ich mich ziemlich bald beim Querlesen ertappt habe––jedesmal mit dem schlechten Gewissen, daß ich eine brillante Ü-Leistung weit unter Wert konsumiere, einfach, um dem zwischen den Zeilen hereindrohenden Unheil näher zu kommen.
Das mag einfach eine tadelnswerte Ungeduld dieses einen Konsumenten sein.
Könnte aber auch ein Indiz sein dafür, daß dieses brillante Englisch eines bekennenden Iren auf eine sehr bemerkenswerte Weise zwischen diesem wortreich leerlaufenden Schönheitsgerede und einer umso bestürzenderen Lapidarität hinundherpendelt.
Was als Bodensatz bleibt, ist, daß OW sich––salopp gesagt––bei aller an den Tag gelegten ironischen Witzigkeit immer um Kopf und Kragen schreibt, nicht erst in den letzten Texten aus der Gefängniszeit, sondern eben auch schon hier im Dorian Gray. Da er ein Schriftsteller ist, der seine Leser am Nasenring führt, wird man nolens volens mit hineingezogen…und kommt, wíe Du, sein Lebtag nicht mehr los von ihm.
Rezension zu "Birkenrindenschriften"
Ein sehr schön gestaltetes, ungezähmtes, mit wissenschaftlicher Raffinesse gemachtes Buch!
Kai Pohl
Literatur wirft nur noch Schatten.
— Der ›Flugschreiber‹ Jürgen Ploog in einer Mail vom 13. Juni 2019
Anfang der 1950er Jahre schrieb Theodor W. Adorno in seinem kurzen Text ›Zur Krisis der Literaturkritik‹: »Die faschistische Autorität ist zergangen, aber übrig geblieben ist von ihr der Respekt vor einem
jeglichen Bestehenden, Anerkannten und sich als bedeutsam Aufspreizenden. (…) Es ist, als würde alles schon durch ein Schema erstarrter Phrasen hindurch wahrgenommen.« Wer möchte bestreiten, dass dieser Feststellung heute keine Gültigkeit mehr zukommt? Wäre es anders, erfreuten sich die Dichter Egon Günther, Abwärts-Autor, und Kai Pohl, Abwärts-Redakteur und -Autor, nicht nur in den kleinen Kreisen der literarischen Avantgarde und ihrer Leserschaft höchster Bekannt- und Beliebtheit. Von Egon Günther erschien in diesem Herbst der Band Birkenrindenschriften – Gedichte & Piktogramme, herausgegeben von Jörg W. Rademacher (Edition Zugvögel/Elsinor Verlag) mit Gedichten und Liedtexten seit 1989. 100 Gedichte von 1988 bis 2024 enthält Kai Pohls Band Sterne über Astrachan (Autumnus Verlag). Die Gedichte der beiden Wortwerker, so ist in Anlehnung an den bereits zitierten Adorno festzuhalten, setzen Unentstelltes, Unerfasstes, noch nicht Subsumiertes in
Erscheinung und nehmen so etwas vorweg von einem Zustand, in dem kein schlecht Allgemeines mehr das andere, Menschliche, fesselt. Von keiner Servilität gehemmt, lassen sie sprechen, was die Ideologie verbirgt. Beide setzen auf das Gedicht als gesellschaftsphilosophische Sonnenuhr.
Jürgen Schneider
Rezension zu "Natur | Gewalt | Tode"
Korrespondenten sind treue Seelen, solange sie können, ist ein Brief, noch dazu versehen mit einem Buch als Gabe, ein Anlaß zur Erneuerung der Korrespondenz. So bleibt ein Briefwechsel am Leben, wenn zwar die Handschrift allmählich versagt, der Schreiber des Vergnügens, sich ganz persönlich und körperlich auszudrücken, entsagen muß, aber das Tippen auf der Tastatur noch differenzierte Reaktionen auf Gelesenes ermöglicht. Solch eine Reaktion erreichte der Herausgeber der Edition Zugvögel zuletzt von einem im Ruhestand befindlichen Anglisten.
“Ich danke Ihnen sehr herzlich für dieses originelle Lesevergnügen, Erbauung und Bildung spendende Buch. Ihre Repräsentation von “Grenzerfahrungen” (für mich eher Kontrasterfahrungen) mittels literarischer Werke legt eine unerwartete Tiefenschicht der Texte frei. Und mit Stifter geht es mir wie Ihnen. Man hatte von ihm, eher abfällig, gehört, hatte ihn aber nie gelesen. Insofern erfreuten Sie mich diesbezüglich mit einer Entdeckung. Abgesehen davon vermittelte mir die direkte Gegenüberstellung der “Sonnenfinsternis” mit Byrons “Darkness” die Spitzenerfahrung des Bandes. […]
Stifters “Wie herrlich, wie furchtbar” benennt ein Grundgefühl der Romantik, ist aber, so mag ich es lesen, zugleich ein Moment romantischer Ironie. Verallgemeinert gesagt, präsentiert die Erzählung die Aufhebung des faktologisch dargebotenen Einzelnen im Universalen durch den Katalysator des überhöhten Erzählsubjekts. Das Universale bindet sich bei Stifter mit Gottgläubigkeit, was ihn aber keineswegs zu einem “religiösen Erbauungsschriftsteller” macht. Stifter romantischer Optimismus kehrt sich bei Byron in apokalyptischen Pessimismus um. Das Jahre verfrühte Waste Land kann man wohl als Verdichtung der subjektiven Erfahrungen der Gesellschaft der industriellen Revolution und ihrer menschlichen Entfremdungserscheinungen interpretieren. Die Marxsche “Verelendung” ins Poetische gefaßt! Ihre Gegenüberstellung von Stifter und Byron ist für mich eine fast unübertreffliche Dokumentation der beiden Hauptströmungen der Romantik.”
Wolfgang Wicht
Widerstand im Malstrom des Autoritarismus: Warum Prinzipien stärker sind als Apparate
Der Aufruf unserer Zeit ist unmissverständlich: Schützt unsere Demokratie, zeigt Solidarität mit demokratischen Staaten weltweit, bezieht Stellung in den Konflikten dieser Tage und kämpft für ein gerechteres Morgen.
Kein Wunder, dass sich viele von uns fühlen, als würden sie von einem Strudel unabwendbarer Niederlagen mitgerissen: Wie soll eine Einzelne etwas bewegen, wenn die USA vorführen, wie schnell selbst robuste Demokratien brüchig werden? Wie soll man hoffen, wenn Russlands Kurs eher auf Eskalation als auf Versöhnung zu liegen scheint? Als Einzelperson wirkt man gefangen in einem Malstrom aus täglichen Schreckensmeldungen, wachsender Polarisierung und lähmender Ratlosigkeit.
Wie aber verhindern wir, dass uns der Sog mitreißt, und bewahren stattdessen unsere Handlungsfähigkeit? Welche Lehren brauchen wir, um nicht nur auszuharren, sondern dem Strom mutig zu trotzen? Die Antwort beginnt nicht mit Panik, sondern mit Erkenntnis: Ein Blick in die Literatur liefert genau die Einsichten, die uns zeigen, wo die Bruchstellen im System liegen und wie wir konkret gegensteuern können.
Wenn Literatur Politik lehrt: Edgar Allan Poe und Arthur Koestler
Arthur Koestlers Sonnenfinsternis legt psychologische Verdunkelung offen, in der Ideologie Gewissen und Sprache erstickt, und seine Schilderungen in Der Sklavenkrieg demonstrieren, wie utopische Heilsversprechen in blinde Gewalt und Selbstzerstörung umschlagen. Der Sklavenkrieg schildert den Spartacus-Aufstand und zeigt, wie Macht, Ideale und Opportunismus politische Bewegungen prägen; in Sonnenfinsternis folgt Koestler dem ehemaligen Volkskommissar Rubaschow, der für Verbrechen, die er nie begangen hat, inhaftiert und schließlich exekutiert wird. Edgar Allan Poe ergänzt dieses Ensemble mit Bildern innerer Düsternis und obsessiver Isolation, die psychische Grenzzustände schärfer sichtbar machen.
Zusammengenommen liefern diese Bilder ein Modell: der Malstrom als äußerer Sog, die Sonnenfinsternis als innere Verdunkelung, der Sklavenkrieg als Kollaps moralischer Bindungen; sie zeigen, wo Ströme instabil werden, Vertrauen erodiert und Handlungsfähigkeit verloren geht.
Von Zweckheiligtum zur Glaubwürdigkeitskrise - Das Gesetz des Umwegs
Bewegungen sind Ströme, keine Linien. Sie gewinnen Kraft durch Hoffnung, Zusammenschluss und Momentum, doch genau dieses Tempo birgt die Gefahr, sich selbst zu überholen. Deshalb tragen totalitäre Bewegungen den Keim ihres eigenen Scheiterns wie ein verborgenes Korn in sich; ihr Heilanspruch macht das Ziel absolut, die Mittel heilig. Was anfangs als ruhige Strömung beginnt, verwandelt sich bald in einen immer stärker werdenden Malstrom, der alles aufsaugt und Menschen gegen ihren Willen mitreißt. Revolutionen und Bewegungen existieren nicht im Vakuum; überall dort, wo Ziel und Tugend zur unantastbaren Einheit verschmelzen, entstehen Strudel, die in die Irre führen. So verwandelt sich Spartacus’ Sonnenstaat in ein machtgieriges Zentrum, das in Windeseile umliegende Städte verschlingt und schneller wächst, als seine Kapazitäten es zuließen. Als Instrument der Machterhaltung werden Gewalt und Entwürdigung zur Normalität: Es “starben täglich mehrere, im Interesse des allgemeinen Willen, mit zerbrochenen Gliedern und schwarzer Zunge; und verfluchten noch in ihren letzten Zuckungen das Zelt mit dem roten Velum und den Sonnenstaat” (DS, S.195). Wer das Individuum zum Versuchskaninchen der Geschichte degradiert, untergräbt jede moralische Basis; wie kann eine Bewegung behaupten, die Menschheit zu retten, wenn sie Menschen leidvoll opfert.
Wenn Menschen nur noch Mittel sind: Entmenschlichung als Systemfehler
Totalitäre Weltsichten verlangen die systematische Ausblendung des Einzelnen zugunsten eines absoluten Kollektivziels. In Sonnenfinsternis wird der umgekehrte Vorwurf als Abwertung formuliert: die “Humanistische Nebelphilosophie” (SF, S.144) bezeichnet verächtlich die Haltung, das Individuum dem Endziel voranzustellen. Diese Formulierung ist nicht Lob, sondern Anklage: Wer die Würde des Einzelnen schützt, gilt dem Regime als gefährliches Hemmnis.
Genau darum geht es bei der Entmenschlichung: Totalitäre Logiken fordern von ihren Anhängerinnen und Anhängern die Aufgabe von Empathie und persönlicher Verantwortung. Die Doktrin verlangt, dass Menschen ihre Menschlichkeit ablegen, weil nur so das abstrakte Ziel unhinterfragt durchgesetzt werden kann. Doch kein moralisch handelnder Mensch kann es gutheißen, einen anderen für ein ungreifbares Gemeinwohl umzubringen; die Forderung, Mitgefühl zu suspendieren, macht eine Bewegung innerlich brüchig und moralisch unglaubwürdig.
Koestlers Figur Rubaschow verdeutlicht diese Dynamik. In Haft rechnet er mit sich ab, hinterfragt die Notwendigkeit der Opfer, die er erbracht hat, und zweifelt an der angeblichen Unfehlbarkeit der historischen Sendung. Der Totalitarismus strebt danach, den “Irrtum im Keim aus[zu]rotten” (SF, S.98); bereits der leiseste Zweifel wird so zur Straftat. Dadurch entmenschlicht das System auf zwei Ebenen: Es macht Andersdenkende zu Zielen und ruiniert zugleich die Gewissensintegrität derer, die ihm dienen.
Die Folge ist praktisch: Wenn eine Bewegung Individuen als entbehrlich deklariert, verliert sie moralisches Kapital, Vertrauen und Legitimität.
Herrschaft ohne Zustimmung hält nicht
Kein Totalitarismus funktioniert ohne Repression. Vollständige Zustimmung lässt sich nicht erzeugen, also wird Gewalt zum Instrument der Machtsicherung. Koestler zeigt eindrücklich, wie diese Gewalt nicht nur physisch, sondern vor allem psychisch wirkt. Rubaschow wird in einer Reihe nächtlicher Verhöre zu einem Geständnis getrieben; die Methoden zielen auf Zermürbung: ständige Alarmbereitschaft, abruptes Wecken in der Nacht, Verhöre unter grellem Licht und systematischer Schlafentzug. Vor seiner Zelle wird Tage zuvor ein ehemaliger Freund erschossen, ein bewusstes Mittel der emotionalen Manipulation. Solche Praktiken schaffen kurzfristig Furcht und Konformität, zerstören aber langfristig Vertrauen, moralische Integrität und organisatorisches Wissen — und werden so selbst zur Schwäche des Regimes.
Rubaschows Beispiel zeigt, wie Repression nicht nur Misstrauen gegenüber Andersdenkenden schürt, sondern Misstrauen innerhalb der eigenen Reihen vertieft. Er rechnet mit sich selbst ab und blickt zurück auf die menschlichen Schicksale, die er im Namen der Partei erzwungen hat. Diese innere Zerrissenheit bleibt nicht folgenlos: wer sehen musste, welches Leid die Durchsetzung von Doktrinen verursacht, verliert einen Teil der bedingungslosen Loyalität. Man kann sich einreden, dass Geschichte a priori unmoralisch sei, doch vor den psychischen Folgen, Menschen leiden gesehen zu haben, ist niemand geschützt.
Wenn Loyalität erodiert: Warum Macht im Inneren zerfällt
Totalitäre Systeme stehen im klaren Widerspruch zu den Grundlagen freier Demokratien. Im Zentrum des totalitären Strudels bleibt stets der Mensch: Er mag sich die vorgegebenen Doktrinen zurechtlegen, doch bleibt er menschlich, empfindet Empathie, Schuld und Gewissenskonflikte angesichts des Leids, das er anderen zufügt. Wichtiger als das Misstrauen von außen ist die Erosion der Loyalität im Inneren.
Rubaschows Geschichte zeigt, wie Parteigänger einander ausspielen, um Reputation und Existenz zu sichern. Ein dauerhaftes Klima von Angst und Verdacht spaltet Bewegungen, untergräbt Zusammenarbeit und schwächt ihren politischen Einfluss. Repression kann zwar kurzfristig Stabilität vortäuschen, langfristig aber zerstört sie das soziale und moralische Kapital, auf dem jede stabile Gemeinschaft ruht.
Standhaft und vereint: Demokratie lebt von Prinzipien
Moralische Integrität ist in politischen Bewegungen sowohl Selbstzweck als auch strategisches Kapital. Es besteht keine Verpflichtung zur absoluten Parteilichkeit; wer die Fehlbarkeit einer Organisation anerkennt, verhält sich nicht illoyal, sondern einsichtig und handlungsfähig.
Daraus folgt, wie Demokratinnen und Demokraten mit gegenwärtigen Krisen umgehen sollten: Die größte Gefahr ist Gleichgültigkeit. Opportunismus darf keinen Raum haben; wir müssen verbindliche Entscheidungen auf der Grundlage gemeinsamer, unverrückbarer Werte treffen. Es geht nicht um eine abstrakte “Demokratie”, sondern um “unsere Demokratie” — das ist unsere stärkste Ressource in Zeiten der Ohnmacht. Demokratische Mittel spalten nicht; sie einen. Distanz zu autoritären Akteuren und ein klares demokratisches Programm sind notwendig und zeigen Überzeugung.
Als Bürgerinnen und Bürger bedeutet das, eine andere Haltung einzunehmen: die Überwindung der Gleichgültigkeitskultur, das aktive Einstehen statt bequemem Abwarten. Ruhe allein ist kein Qualitätsmerkmal guter Politik. Wir müssen uns täglich daran erinnern, dass politisches Gestalten Verantwortung und Ausdauer verlangt. Gleichgültigkeit mag kurzfristig als Coping-Mechanismus wirken, doch die eigentliche Kraft liegt bereits in uns.
Integrität ist die Antwort
Anti-demokratische Entwicklungen und die Ängste, die sie auslösen, sind real; der Malstrom, in den wir gezogen werden, ist eine konkrete Bedrohung. Dennoch gibt es Hoffnung: Amoralität macht politische Systeme verwundbar und eröffnet Ansatzpunkte für Gegenwehr.
Demokratinnen und Demokraten können inhaltliche Differenzen aushalten, wenn sie sich auf gemeinsame Spielregeln verständigen. Demokratie heißt nicht nur, Positionen zu vertreten, sondern moralisch handlungsfähig zu bleiben.
Deshalb ist der Schutz dieses Konsenses zentral. Der Ausweg liegt nicht in Opportunismus oder Anpassung an destruktive Strömungen, sondern in klarer Positionierung, einem gemeinsamen Profil und innerparteilicher Einigung, um Werte zu verteidigen und nachhaltigen Widerstand zu organisieren.
Auf dieser Grundlage bleibt Widerstand wirksam: Systeme mögen zerfallen, Apparate verrosten; bestehen bleibt das Unersetzliche: der Mensch.
Fenna Reus
Prosaische Passionen
Auf weitere Korrespondenzen, die über den Band 3 in der Edition Zugvögel hinausgehen und ihn auch mit einschließen, weist uns ein Teilnehmer der unten stehenden Veranstaltung hin:
Donnerstag, 27. Juni 2024, 18:30 Uhr
Museum Haus Cajeth
Sandra Kegel (Hrsg.): “Prosaische Passionen”
Die weibliche Moderne in 101 Short Storys. Übersetzungen aus 25 Weltsprachen
Frauen schreiben anders! Katherine Anne Porter schreibt anders als Eileen Chang, Alfonsina Storni schreibt anders als Marina Zwetajewa, Edith Wharton schreibt anders als Else Lasker-Schüler, Clarice Lispector schreibt anders als Carson McCullers, Marguerite Duras schreibt anders als Tania Blixen, Djuna Barnes schreibt anders als Grazia Deledda, Selma Lagerlöf schreibt anders als Silvina Ocampo, Anaïs Nin schreibt anders als Tove Ditlevsen und Sofja Tolstaja schreibt anders als Virginia Woolf.
Diese erste globale Prosasammlung weiblichen Schreibens um und nach 1900 zeigt: Die literarische Moderne war ganz wesentlich weiblich. Nicht nur in Europa, überall auf der Welt veränderte sich das künstlerische Selbstverständnis von Frauen von Grund auf.

Sandra Kegel, renommierte Literaturkennerin und Leiterin des FAZ-Feuilletons, hat in “Prosaische Passionen” moderne Kurzprosa aus aller Frauen Ländern zusammengetragen – Klassikerinnen, deren Rang unbestritten ist, neben solchen, die erst noch entdeckt werden wollen. Ein längst überfälliges Panorama weiblicher Erzählkunst.
[Von der Webseite des Vereins für ein Literaturhaus in Heidelberg]
Zur weiblichen Moderne zählt eben auch Kate Chopin, die Teil dieser Anthologie ist und von der Herausgeberin, wie ein Teilnehmer des Abends mitteilt, genau “Die Geschichte einer Stunde” vortrug und deutete. Wie wäre es denn, nicht nur Klassikerinnen zu lesen, sondern auch die Klassiker aus Sicht der von ihnen dargestellten Frauen noch einmal neu zu lesen. Das geht auch mit Band 3 der Edition Zugvögel, “Korrespondenzen. Poe Stifter Kafka. Natur Gewalt Tode”. Darin ist Chopins Geschichte vielleicht der Ausgangspunkt, den Sichten der Männer auf die Frauen auf die Spur zu kommen, ihre vorhandenen und nicht vorhandenen Beziehungen auszuloten. Denn bei Poes Erzählung “Eine Fahrt hinab zum Malstrom” gibt es keine Frauenfiguren, doch ist von Söhnen die Rede… Bei Stifter und Kafka tauchen Frauen auf – doch in welchen Rollen, in welchen Zusammenhängen?
Joachim Froning zu "Englisch, jetzt Englisch, nur noch Englisch"
Insbesondere hat mich die Aussage amüsiert, dass die Werbesprache zu mindestens 50% aus Infantilismen besteht. Yes!!! Sehr schön auf den Punkt gebracht! Wenn man bedenkt, dass das Buch im Wesentlichen noch vor den Zeiten des Internets geschrieben wurde, welche die Dinge gewiss noch deutlich verschlimmert haben, dann ist das schon eine spannende Entwicklung. Allerdings scheint mir - vor allem wenn man sich so umhört und auch in den Printmedien umsieht - der Ruf nach mehr Kreativität beim Umgang mit der eigenen Sprache gänzlich ungehört zu verhallen. Im Gegenteil: Was da auf z.B. spiegel.degelegentlich für sprachliche Klopper zu finden sind, ist schon ein echtes Armutszeugnis. Die Rolle der Intellektuellen im öffentlichen Raum war in Deutschland ja auch schon mal eine deutlich grössere als heute. In Frankreich scheinen diese doch eher noch Gehör zu finden, aber das ist vielleicht auch nur meine selektive Wahrnehmung. Es ist ja nicht so, dass es heute keine klugen Bücher über die Situation und die notwendigen Schritte gäbe - in Deutschland wie in Frankreich. Mir ist allerdings keine Sendung im deutschen Fernsehen bekannt, die ähnlich wie z.B. die "Grande Librairie" in Frankreich wöchentlich zur besten Sendezeit der Literatur und Philosophie einen Platz gäbe. Jedoch scheinen mir die Franzosen bezüglich der Anglizismen inzwischen auch entspannter zu sein.
Wer weiß, mich würde nicht wundern, wenn sich wenigstens dieses Thema dank Herrn Trump demnächst von selbst erledigt, denn inzwischen haben doch wohl die meisten begriffen, dass die Zeit Amerikas als Führungsnation im Westen abgelaufen ist. Leider sind jedoch aktuell keine Bewerber für diese vakante Position erkennbar ... (gut, Monsieur Macron bewirbt sich schon seit langem, aber wohl eher ohne Aussicht auf Erfolg).
Erfreuliche Randnotiz: Einige der von Raveling angemerkten Tendenzen ("das Buch, was ich gekauft habe") werden in Goggles aktueller Rechtschreibunterstützung doch immerhin noch mit einem Verbesserungsvorschlag versehen!
Backenstreiche für einen Autor und für die Leserschaft
In dem Kurzprosaband „Die Ohrfeige“ stellt Wiard Raveling geistreiche und sprachlich ausgefeilte Texte vor
Von Rainer Rönsch
Die titelgebende Ohrfeige wird einem bekannten Schriftsteller verpasst, aber auch für den Leser hält Wiard Raveling in den 21 Kurztexten einige Backenstreiche bereit, indem er Geschichten einfach nicht auflöst. Er bedient sich einer ausgefeilten Schreibkunst, die auch überlangen Sätzen zu Wohlklang verhilft.
Auf zahlreiche Beiträge dieses Bandes trifft eine Formulierung auf Seite 113 zu: „Der Text ist ziemlich umfangreich, auch stellenweise sehr weitschweifig und umständlich formuliert.“ Freilich sind Weitschweifigkeit und Umständlichkeit hier gewollt und erzeugen geistreiche Parodien auf verquaste literaturkritische Abhandlungen.
Am überzeugendsten gelingt dies in dem recht langen Text „Annäherung an ein Gedicht“. Einem Jonathan Storch (hoffentlich keinem der im Internet genannten Träger dieses Namens!) wird dieses titellose „Gedicht“ zugeschrieben:
da liegt
ein stück
hunde
dreck
Aus diesen vier Zeilen zündet der Autor ein Feuerwerk aus Nonsense und durchaus tiefgründigen Feststellungen, nur eben „am falschen Objekt“. Richtig albern wird es, wenn der fehlende Bindestrich zwischen hunde und dreck als „poetisch feinfühlige und diskrete Darstellung“ der Tatsache herhalten muss, dass der Dreck sich vom Hund getrennt hat. Angesichts des Erfindungsreichtums des Autors will man bald nicht mehr wissen, ob es die von ihm genannten Koryphäen tatsächlich gibt. Beim vielzitierten Witold Kabadnadse jedenfalls führte jede Recherche in die Leere.
Die Parodie spielt auch in der Titelgeschichte eine wichtige Rolle. Hier geht es um die vielgelesenen literarischen Parodien „Mit fremden Federn“ von Robert Neumann, der von einem übergründlichen Nietzsche-Leser eine so überraschende wie unverdiente Ohrfeige erhält. Vorher hat man sich köstlich darüber amüsiert, wie sich ein halbgebildeter Mann monoman nur noch mit Friedrich Nietzsche befasst und „die bei weitem umfangreichste private Nietzsche-Bibliothek der Welt“ besitzt.
Beim Text „Öffentliche Kunst“ war ich als Dresdner nach misslichen Erfahrungen mit einer Bürgerstiftung hinsichtlich des passenden Ortes für ein Gemälde erleichtert, dass die Geschichte zwar in D. „irgendwo in den neuen Bundesländern“ spielt, der Schauplatz aber als mittlere Kleinstadt bezeichnet wird. Hier hat man „teures, sehr teures Geld ausgegeben“ für eine Skulptur, die von Experten als ästhetisches Meisterwerk bezeichnet, von der Stadteinwohnerschaft jedoch als unverschämte Zumutung abgelehnt wird. Daraufhin beschließt der Stadtrat, alle volljährigen Einwohner zu regelmäßigem Besuch der Skulptur zu verpflichten. Zuwiderhandelnden droht der Verlust des Wohnrechts.
Einen düsteren Blick auf die Rezeption und Übersetzbarkeit von Lyrik wirft der Text „Ein Gedicht in Goa“. Ein Missionarsdiener in Goa fragt seinen Herrn, ob er auch lesen dürfe, was diesen so zufrieden stimme. Er bekommt zur Antwort, er könne nicht genug Portugiesisch und wisse auch sonst zu wenig. Auch sein Herr verstehe nur vielleicht drei von jeweils zehn Gedichten. Doch dann kümmert sich der Missionar um die Bildung seines Schützlings, und der darf nach zehn mühevollen Jahren endlich das Gedicht Estatua Falsa lesen. (Die Leserschaft ebenfalls, freilich nur im portugiesischen Original. Man findet den gleichnamigen Song der Fado-Interpretin Mísia bei YouTube.) Der Diener, von der mehrfachen nächtlichen Lektüre beeindruckt, fragt nach mehr Gedichten und muss hören, die in anderen Sprachen verstehe er nicht. Gedichte könne man nicht übersetzen wie ein Kochrezept. Da geht er hinaus in den Wald und kehrt nie mehr zurück.
Kurz hingewiesen sei auf einige weitere Texte voller Einfallsreichtum und List.
„Der Blick in den Spiegel oder Das Ende der Apartheid“: Da erschießt sich ein weißer Südafrikaner, als er einsieht, „dass weiße Menschen in keiner Weise mehr wert sind als Schwarze, Mischlinge oder Asiaten.“
„Der Rat des alten Vaters“: Den Rat des Vaters, nicht auf den Rat anderer Menschen zu hören, will der ergriffene Sohn gern befolgen und fängt gleich damit an.
„Der Weise und der Schwachsinnige“: Der Schwachsinnige hält den Weisen für dumm, der Weise den Schwachsinnigen nicht.
„Ein Beitrag zur Suchtforschung“: Die genetisch bedingte Suchtanfälligkeit des Autors ist gleich null, so dass er täglich 70 Zigaretten rauchen sowie 20 Flaschen Bier und einen Liter Weizenkorn trinken kann, ohne süchtig zu werden.
„Das tibetanische Kloster“: Die Leserschaft erfährt nicht, warum ein Europäer in jährlichem Abstand dreimal morgens aus seiner Übernachtungszelle verschwunden ist. Der Fremde lüftet sein Geheimnis vor dem Klostervorsteher, doch der muss schwören, niemandem davon zu erzählen. „Und der Oberlama hat bis zum heutigen Tag seinen Schwur nicht gebrochen.“
„Henrike van Campen“: Wäre die Titelheldin nicht mit drei Jahren an Typhus gestorben, hätte sie eine bedeutende expressionistische Malerin und unerschrockene Vorkämpferin der Rechte der Frauen werden können. Aber leider …
„Eine Wette“: Das verschmitzte offene Ende der letzten Geschichte passt vorzüglich zu diesem Band. Da hat jemand darüber gewettet, ob die Mona Lisa von Leonardo da Vinci oder die Nachtwache von Rembrandt das bedeutendere Gemälde sei. „Ich habe die Wette verloren.“
Dieser schmale Band bringt viel Lesegenuss – am meisten dort, wo es um Kunst und Literatur geht. Gern würde man von diesem Autor auch mal etwas ganz Knappes lesen – Aphorismen sind ihm zuzutrauen.
Wiard Raveling: Die Ohrfeige. Kurzprosa.
- Brot und Spiele Verlag, Wien 2024.
- 119 Seiten, 19,90 EUR.
- ISBN-13: 9783903406285
Englisch oder lieber nicht?
Wiard Raveling untersucht in seinem kleinen Büchlein “Englisch, jetzt Englisch, nur noch Englisch” die Haltung, die Franzosen und Deutsche zur englischen Sprache und deren Einfluss auf die jeweilige Landessprache haben. In Frankreich läge es gerade Sprachwissenschaftlern, Lehrern und Intellektuellen daran, das traditionelle, “ziemlich statisch gesehene Ideal der Sprachkorrektheit und -schönheit zu pflegen.” Mir der Académie française leisten sich die Franzosen eine Gesellschaft, die über die Sprache wacht und Wörter aus anderen Sprachen weitgehend umbenennt. Dennoch haben sich – vor allem im Sport – Anglizismen den Weg ins Französische gebahnt. Im öffentlichen Gebrauch sind Anglizismen weiterhin untersagt, teilweise werden sogar Strafen verhängt. Vor allem das Selbstverständnis Frankreichs und “eine gehörige Portion Ressentiment und vor allem Rivalität” sorgen dafür, dass das Land einen so selbstbewussten Weg der Sprachpolitik gehe: Weltweit konkurriere es mit Englisch, schließlich gibt es auf der ganzen Welt Länder, in denen Französisch entweder die Muttersprache oder offizielle Landessprache sei.
Sprachpuristen gebe es in Deutschland zwar auch, so Raveling, aber hätten sie nie den großen “Widerhall in der Bevölkerung oder unter den Intellektuellen gefunden.” Auch Presse, Wissenschaft und Politik in Deutschland seien immer “ganz besonders in Fremdwörter verliebt”. Und in Zeiten der sozialen Medien hätten sich die sprachlichen Wanderungen sogar nochmal vergrößert. Anderer seits hätte es auch sehr viele sinnvolle Eindeutschungen, meist direkte Lehnübersetzungen, gegeben, zum Beispiel “Blutbank” (blood bank) oder “Kabelfernsehen” (cable t.v.), und auch die Informatik – eigentlich der englische Arbeitsbereich schlechthin – hätte mit “Maus”, “Menüleiste” und “speichern” passende Übersetzungen parat.
Generell rät Raveling zu mehr Gleichmut. Das Deutsche würde ärmer sein ohne Begriffe wie Pizza, Bungalow und Tsunami, wenngleich diese auch nicht aus dem Englischen kämen. Doch auch an Anglizismen würde die deutsche Sprache nicht zugrunde gehen. Ob sie hässlich, schön oder ärgerlich seien, darüber lasse sich streiten, aber eine sprachpolitische Diskussion wie es sie in Frankreich gibt, werde es bei uns eher nicht geben.
Ravelings Buch ist ein wunderbares Kleinod, wenn man eine schnelle und und gut geschriebene Übersicht über die Geschichte und die aktuelle Lage zum Thema Anglizismen sucht. Der Schreibstil kommt ohne hochtrabende Wissenschaft aus, ist klar und schlüssig. Besonders attraktiv ist das Format, denn das Buch ist nur 90 Seiten dick, dabei aber nur halb so groß wie ein gängiges Taschenbuch. Das macht es zum idealen Begleiter.
(Doro Wilke, in: Sprachnachrichten Nr. 107 (III/2025))
Wiard Raveling, Englisch, jetzt Englisch, nur noch Englisch. Wie Deutsche und Franzosen mit Anglizismen umgehen. Eine Streitschrift. Aufruf zur Besonnenheit, Coesfeld: Edition Zugvögel im Elsinor Verlag, 2025, 92 S., 12,00 €.
Fließend im Fehler machen ‒ Was wäre, wenn ausgerechnet Fehler der größte sprachliche Trumpf wären?
Wiard Raveling, Englisch, jetzt Englisch, nur noch Englisch. (Wie Deutsche und Franzosen mit Anglizismen umgehen.) Eine Streitschrift, 92 S., Edition Zugvögel, 2. Ein Imprint des Elsinor Verlags, 2025.
Wiard Raveling, Versuch und Irrtum – Trial and Error. Ich lache, also bin ich. Edition Zugvögel, 1. Ein Imprint des Elsinor Verlags, 2025.
Sei es das Aussprechen ungewohnter Namen oder sprachliche Unsicherheit in politisch sensiblen Konversationen: Die Sorge, etwas Kontroverses oder schlicht Falsches zu sagen, sitzt tief – vor allem bei den Deutschen. Trotz löblicher Absichten entpuppt sich diese Unsicherheit als Hürde für ehrliche und authentische Kommunikation. Anstatt sich starrer Dogmen politischer Korrektheit hinzugeben und sich in einem endlosen Wettkampf der Anglizismen zu verstricken, schlägt Wiard Raveling eine andere Perspektive vor: Nämlich trotz kritischen Hinterfragens nicht die Verspieltheit zu verlieren. Noch wichtiger erkennt er „Irrtümer“ nicht nur als natürliches Nebenprodukt direkter Kommunikation an, sondern begrüßt sie mit Freude als Weg, Vertrauen aufzubauen, Kreativität zu entfachen und Wahrheiten aufzudecken, die andernfalls unbeachtet blieben.
In seiner Sammlung von Essays „Versuch und Irrtum – Trial and Error“ zeigt Wiard Raveling mithilfe von alltagsnahen Anekdoten, dass „Versuch und Irrtum“ nicht nur eine hilfreiche Methode darstellt, sondern die Grundlage des Spracherwerbs bildet. Selbst ein fortgeschrittener Englischsprachiger würde vermutlich an der Aussprache von „Worcester“ kläglich scheitern und alles andere als „Wooster“ sagen. Raveling reiht Dutzende solcher Beispiele aneinander, um zu zeigen, dass wir alle glauben, die „richtige“ Aussprache eines Wortes zu kennen – bis wir eines Besseren belehrt werden. Der springende Punkt ist: Man glaubt, die richtige Aussprache zu kennen – bis man eines Irrtums überführt wird. Fehler zu machen liegt in der Natur der Sprache: Das Verständnis dieser feinen Variationen und Nuancen entsteht nicht aus dem Auswendiglernen eines starren Regelwerks. Stattdessen setzt dann ein Lerneffekt ein, wenn man sich mit Sprechern umgibt und Details erfasst.
Sprache ist kein System, das es zu beherrschen gilt, sondern ein Raum, den es zu erkunden gilt. Diejenigen, die den Duden fest umklammern, wenn ein Anglizismus in ihre sprachliche Komfortzone eindringt, werden sich früher oder später damit abfinden müssen, dass sich Sprache jenseits des individuellen Einflusses entwickelt. Nicht nur beweist diese defensive Haltung ein Missverständnis darüber, wie Sprache funktioniert, sondern sie spiegelt auch eine überraschend veraltete Sicht auf die sprachliche Realität wider.
Einsprachigkeit ist die Ausnahme, nicht die Regel. Raveling diagnostiziert in seiner Streitschrift „Englisch, jetzt Englisch, nur noch Englisch“ das, was er als moderne „Anglomanie“ (S. 59) bezeichnet ‒ eine unreflektierte Manie für Anglizismen, die als eine neue Art normativen Drucks fungiert, fast so starr wie das Dogma politischer Korrektheit. Stattdessen befürwortet er kritische Gelassenheit: eine spielerische, kontextabhängige Erprobung jedes Fremdworts – es wird übernommen, wenn es den Ausdruck bereichert, und verworfen, wenn es nicht überzeugt. Er verwirft sowohl die unreflektierte Nutzung von Anglizismen, aber auch eine rigorose Anti-Anglizismen-Politik, ähnlich wie Frankreichs stets aktualisierte Listen französischer Neologismen, die dazu bestimmt sind, englische Entlehnungen zu ersetzen – denn, wie er unverblümt formuliert, ist er „allergisch gegen Menschen, die auf oberflächlichste und am wenigsten reflektierte Weise der politischen Korrektheit des Zeitgeistes Folge leisten“ (S. 49).
Raveling ruft zu differenzierter Kritik anstelle von Pauschalurteilen auf. Er greift einen Zeitungswitz aus dem Jahr 1992 auf, der heutzutage vermutlich für Aufruhr sorgen würde, um zu zeigen, dass politische Inkorrektheit unter Berücksichtigung des Kontexts gelesen werden muss. Statt etwas pauschal als falsch abzustempeln, befürwortet er einen differenzierten Ansatz, der nicht nur berücksichtigt, was gesagt wird, sondern auch, wer es sagt, wie es gesagt wird und in welchem Kontext. Das ist allerdings nicht als Freifahrschein zu verstehen; ganz im Gegenteil. Lehnt man absolute Wahrheiten ab, werden tiefe Reflexion und intellektuelle Unabhängigkeit unerlässlich.
Lachen als Lingua Franca
„Ich lache, also bin ich.“ Keine Sprache ist so universell wie die Sprache des Lachens. Auch wenn es keine allgemeingültige Definition von Humor gibt, ist Lachen eine menschliche Reaktion und ein mächtiges Werkzeug, Akzeptanz gegenüber Fehlern zu fördern. Wenn wir bereit sind, die Sprachpatzer anzunehmen, dann sollten wir auch das Lachen begrüßen, das sie hervorrufen. Raveling schafft es, diese Unbeschwertheit einzufangen – sei es durch die Sammlung witziger Zitate in seinem gleichnamigen Kapitel oder durch die Sammlung von Limericks, den kurzen, humorvollen Fünfzeilern mit einem markanten Rhythmus und einem AABBA-Reimschema, die oft verspielte oder absurde Inhalte präsentieren. Humor muss nicht hochtrabend sein, um unterhaltsam zu wirken. Manchmal genügen ein einfacher Reim oder ein Wortspiel. Diese Erkenntnis ist grundlegend für einen weiteren Punkt, den Raveling hervorhebt: Manche Dinge sind einfach nur witzig. Nicht jeder Witz verlangt eine seitenlange Reflexion, bevor wir uns erlauben zu lachen. Ein offenerer und heitererer Umgang mit Humor hält uns ehrlich – und menschlich.
Wichtiger noch: Humor ermöglicht und verbessert die Kommunikation. Lachen senkt die Hemmschwelle des Sprechens, gerade wenn Fehler gemacht werden, weil es die Spannung löst und uns sanft daran erinnert, dass Perfektion überschätzt wird.
Wie wir mit unseren eigenen und den Fehlern anderer umgehen, beeinflusst unsere Fähigkeit, unsere Sprachkenntnisse zu erweitern. Wenn wir Fehler – wie Raveling vorschlägt – unvoreingenommen behandeln, bietet sich die Chance, dass Sprachlernen zu einer noch mehr verbindenden und ansprechenderen Erfahrung wird. So können wir die Angst vor dem Gespräch mit Muttersprachlern, die Unsicherheit bei unvollkommenen Formulierungen und den Drang zur Selbstzensur ablegen. Damit eröffnen wir Raum für etwas Tieferes: die Erkenntnis, dass Fehler unsere gemeinsame Menschlichkeit offenbaren – und mit dieser Erkenntnis ein sanfterer Umgang miteinander möglich wird.
Diese Vision spiegelt sich in Ravelings Essaysammlung wider. Er teilt Begegnungen aus dem echten Leben, die aus dem Aufeinandertreffen von Menschen entstanden sind, die mutig und ganz natürlich miteinander in Kontakt treten. Man denke an Marron C. Fort – einen Schwarzen aus Boston, der von einer Leidenschaft für das nahezu ausgestorbene Saterfriesische getrieben wird –, der allein durch das Sprechen mit Menschen mehrere ostfriesische Dialekte gemeistert hat. Er bemerkt sogar augenzwinkernd, dass die Einheimischen beim ersten Treffen unwillkürlich einen überraschten Blick aufsetzen, wodurch seine unerwartete Erscheinung kurzzeitig in den Hintergrund tritt.
Wiard Ravelings Vorschlag sollte selbstverständlich und gängige Praxis sein: Kommunikation humorvoll und spielerisch zu gestalten, anstatt einander wegen Unvollkommenheiten zu tadeln. Anstatt uns auf das Endergebnis zu fixieren, sollten wir vielmehr gute Absichten und Authentizität wertschätzen. Sprache bedeutet, es zu versuchen, zu stolpern und wieder aufzustehen – und offen genug zu sein, um während des Prozesses umzudenken und neu anzufangen. Viel mehr als Regeln und Syntax ist es eine Wachstumsmentalität, die das wahre Potenzial des Sprachenlernens entfaltet. Schließlich ist der einzige wirklich fatale Fehler, überhaupt nichts zu sagen – also lassen Sie uns die stille Perfektion gegen ausgelassene „Wooster“-Katastrophen eintauschen. In Ravelings Welt ist jeder sprachliche Fehltritt kein Vergehen, sondern ein Ticket zu echter Verbundenheit … und zu komödiantischem Gold.
Fenna Reus
Rezension zu Wiard Raveling, Englisch, jetzt Englisch, nur noch Englisch, Zugvögel 2025
(Wie Deutsche und Franzose mit Anglizismen umgehen)
Wer seine Meinung zu den oft überbordenden Anglizismen in der heutigen Deutschen Sprache fundiert und pragmatisch bilden möchte, ist mit diesem kleinen Buch von Wiard Raveling auf der richtigen Bahn.
Interessanterweise konfrontiert er den Leser mit der Haltung zu den englischen Ausdrucksweisen in Frankreich und in Deutschland, nachdem er eine Sammlung vieler Ausdrücke beispielhaft präsentiert hat. Danach zunächst Kopfschütteln!
In der Analyse beschreibt er den grundsätzlich abwehrenden Umgang der Franzosen, der dazu führt, dass Wörterbücher mit französischen Ausdrücken den Anglizismen entgegengesetzt werden sollen. Dabei hat es sowohl Erfolge als auch Misserfolge gegeben. Der Autor erklärt diese Haltung mit der Geschichte der kolonialen Rivalitäten zwischen den Inseln Großbritanniens und dem Festland Frankreichs.
Diese “Sprachpuristischen Bemühungen” hat es auch in Deutschland gegeben, die aber nie so erfolgreich waren wie in Frankreich. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg wurde deutlich, dass das bisherige britische Kolonialreich und die Dominanz der USA in ökonomischer, militärischer und kultureller Hinsicht sprachlich sich ausbreiteten. Dagegen konnte sich der französische Imperialismus kulturell nicht so stark behaupten.
Er kommt zu dem Fazit mit Claus Hagège, dass diese Entwicklung nicht aufzuhalten ist. Außerdem ist dieser Prozess der sprachlichen Vermischung schon zu allen Zeiten festzustellen gewesen und kann auch eine Bereicherung sein, wenn man nicht nur englische, sondern auch Wörter anderer Sprachen verwendet.
Gleichwohl sollte man die deutschen Ausdrücke, die klarer sind, nicht unkritisch aufgeben, zum Beispiel “open” anstatt “offen” oder durch Eindeutschung von Wörtern wie zum Beispiel “recyclen” ersetzen durch “rezyklieren”.
Meine Meinung ist dazu klar. Ich verwende so wenig wie möglich gleichzeitig deutsche und englische Wörter, ertappe mich aber auch dabei, Anglizismen unbewusst auszusprechen.
Erwin Wenzel
- Herausgeber : Jörg W. Rademacher
- Sprache: Deutsch
- ISBN-13: 978-3911704014
Oscar Wilde für Fans und Lyrikfreunde
(5 von 5 Sternen auf amazon.de)
Und selbstredend wird der Oscar Wilde-Verehrer immer wieder einmal zu The Picture of Dorian Gray greifen, jenem Roman, der die Ästhetik des Fin de Siècle so eindringlich verkörpert wie vielleicht sonst nur die Romane von Huysmans. Wie auch immer - daß Wilde auch ein Dichter war, verliert man dabei allzu rasch aus dem Auge. So wird man dankbar sein dürfen, in der vorliegenden Ausgabe neben Wildes lyrischen Notizen das längere Gedicht The Sphinx lesen zu können - und schließlich auch die berühmte epische Dichtung, seine Ballade vom Zuchthaus in Reading, in dem Wilde den Preis für seine Unangepaßtheit zahlte und für den Rest seines Lebens zum Außenseiter gestempelt wurde.
Die frühen Gedichte werden hier gegen das frühe Urteil eines Kritikers, der ihnen zweitrangige Nachahmung vorwarf, einem unvoreingenommenen Lauschen anheimgestellt - und zwar zu Recht. Denn zum Dichter wird man eben auch dadurch, daß man sich anschmiegt und abarbeitet an berühmten Vorgängern wie Shelley, Keats oder Tennyson. Davon zeugen hier etwa Sonette über die in Rom auf dem Friedhof der Nicht-Katholiken bestatteten Dichter Keats und Shelley
Dieser schöne Band, in Kooperation von Günter Plessow und Jörg W. Radermacher ausgewählt, übersetzt und zweisprachig herausgegeben, ist ausdrücklich "Allen, die Gedichte gern sprechen" gewidmet - eine schöne Geste, die daran erinnert, daß Gedichte unbedingt auch gesprochen werden sollten, um ihre ganze Musikalität zur Geltung zu bringen. Plessow erinnert an den erfolgreichen Vortragsredner Wilde, der sich als Professor der Ästhetik bezeichnete; auch weil den frühen Gedichten ein gleichsam öffentlicher Charakter eigne, sollte man sie sich vorsprechen, so wie Wilde ein großer "Sprecher", Unterhalter, Gesprächsführer war. Die Mündlichkeit seines Schreibens hat Plessow überall erkannt; alle seine Texte läsen sich, "als höre man ihn reden."
Und so ist es auch schön, daß der Verlag das Buch (vor)lese(r)freundlich gesetzt hat. Weil Wilde in einem seiner Sonette ausruft, sein Leben sei eine zweifach beschriebene Schriftrolle, kommt dem Begriff des Palimpsests, der eben diesen Sachverhalt zum Ausdruck bringt, eine zentrale Bedeutung zu: Denn jedes Gedicht, das sich in Sprache und lyrischer Form zur Geltung bringt, hat Anteil an zuvor Geschriebenem, es überschreibt sich gleichsam auf seine Vorgänger - zugleich aber schreibt Wilde auch aus einer Spannung heraus, die zwischen dem Freiheitsstreben des Einzelnen und den Konventionen der Gesellschaft besteht - niemand wird die Zuchthausballade ohne innere Bewegung lesen können - und es wäre sicher eines der schönsten Resultate dieses wunderbaren Buches, wenn sich möglichst viele Leser dazu animiert fühlen, Wildes Text - im englischen Original und in der deutschen Übersetzung - laut oder leise vor sich hinmurmelnd vorzulesen, nachzusprechen - vielleicht sogar auswendig zu lernen!
- Herausgeber : EDITION SIGNAThUR (12. September 2023)
- Sprache: Englisch, Deutsch
- Taschenbuch: 196 Seiten
- ISBN-10: 390627344X
- ISBN-13: 978-3906273440


