“Wilde, durch Joyce”

Eine kreative Lesart nach dreißig Jahren endlich korrigiert und andere Betrachtungen auf der Basis von De profundis und Kleine Dinge Wie Diese

Liebe Leser meines Blogs,

am Ostersamstagabend schreibe ich dies, da scheint beim Denken an Oscar Wilde ein Hinweis auf das Neue Testament angebracht. Wer hat als Leser von Wildes De profundis noch nicht an die Worte des Evangeliums gedacht? ‒ Hier, vorab, noch ein Hinweis in eigener Sache. Alle Originaltexte sind zum besseren Vergleich mit der Übersetzung im deutschen Blog übernommen.

“27 Then the soldiers of the governor took Jesus into the common hall, and gathered unto him the whole band of soldiers.

“28 And they stripped him, and put on him a scarlet robe.

“29 And when they had platted a crown of thorns, they put it upon his head, and a reed in his right hand; and they bowed the knee before him, and mocked him, saying, Hail, King of the Jews!”

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“27 Die Soldaten von Pilatus brachten Jesus in den Palast, das sogenannte Prätorium.

Dort kam die ganze Kohorte zusammen.

28 Sie zogen Jesus aus und hängten ihm einen scharlachroten Mantel um.

29 Sie flochten eine Krone aus Dornenzweigen und setzten sie ihm auf den Kopf. In seine rechte Hand gaben sie ihm einen Stock. Dann knieten sie vor ihm nieder und machten sich über ihn lustig: ‘Hoch lebe der König der Juden!’” (Matthäus, 27.27-29, in: Basis Bibel, Stuttgart: Deutsche Bibel-Gesellschaft, 2021)

Auf diese Stelle wurde ich aufmerksam durch die Lektüre des Blattes für Samstag, den 16. April 2022, in einem Tagesabreißkalender, den mir eine Schülerin mit den Worten schenkte, sie (und vermutlich ihre Familie) wolle mir für die Kalender danken, die ich ihnen (der Klasse) zuletzt geschenkt hätte. Tatsächlich habe ich ihn bei zwei Gelegenheiten konsultiert, und eine davon paßt genau zu diesem Blog, weil dort die für Wildes Schriften übliche Parallele zwischen dem Künstler und dem Jesus Christus offenkundig wird. Natürlich hat Oscar Wilde selbst im größten Elend so eine Parallele nicht gezogen, ohne seinem Ideal als wahrer Denker zu entsprechen:

In der ersten Ausgabe von Wildes Complete Works, die ich je erwarb und noch immer hege, unterstrich ich folgenden Satz:

“At every single moment of one’s life one is what one is going to be no less than what one has been. Art is a symbol, because man is a symbol.” (S. 922)

“In jedem einzelnen Moment des eigenen Lebens ist man ebenso, was man sein wird, wie das, was man bislang war. Kunst ist ein Symbol, weil der Mensch ein Symbol ist.” (S. 922)

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Als ich damals Wildes Werke erstmals für meine Doktorarbeit zu James Joyce’s Own Image im Detail studierte, verstand ich nicht, daß ich den Kontext des Zitates würde einbeziehen müssen, um den Kern des Briefes zur Gänze zu verstehen. Hier ist er nun:

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“[Art] is, if I can fully attain to it, the ultimate realisation of the artistic life. For the artistic life is simple self-development. Humility in the artist is his frank acceptance of all experiences, just as Love in the artist is simply that sense of Beauty that reveals to the world its body and soul. In Marius the Epicurean Pater seeks to reconcile the artistic life with the life of religion in the deep, sweet and austere sense of the word. But Marius is little more than a spectator: an ideal spectator indeed, and one to whom it is given ‘to contemplate the spectacle of life with appropriate emotions,’ which Wordsworth defines as the poet’s true aim: yet a spectator merely, and perhaps a little too much occupied with the comeliness of the vessels of the Sanctuary to notice that it is the Sanctuary of Sorrow that he is gazing at.” (S. 922)

“[Kunst], wenn ich sie zur Gänze erreiche, ist die ultimative Selbstverwirklichung des Künstlerlebens. Denn es ist einfache Entwicklung des Selbst. Demut im Künstler ist seine offene Akzeptanz aller Erfahrungen, so wie Liebe im Künstler einfach der Sinn der Schönheit, der der Welt Leib und Seele offenbart. In Marius the Epicurean sucht Pater das Künstlerleben mit dem religiösen Leben im tiefen, süßen und strengen Sinne des Wortes zu versöhnen. Doch Marius ist kaum mehr als ein Zuschauer: ein idealer Zuschauer in der Tag, und einer, dem es gegeben ist ‘des Spektakel des Lebens mit passenden Emotionen zu betrachten’, was Wordsworth als das wahre Ziel des Dichters definiert: doch eben nur ein Zuschauer und vielleicht zu sehr mit der Anmut der Gefäße des Allerheiligsten befaßt, um zu bemerken, daß er das Allerheiligste der Trauer anstarrt.” (S. 922)

Sich von Walter Pater, seinem Meister aus Oxford, distanzierend, ohne sich von ihm zu lösen, muß Wilde die Idee, die er anfangs des folgenden Abschnitts ausdrückt, auf zwei Seiten ausbreiten:

“I see a far more intimate and immediate connection between the true life of Christ and the true life of the artist, and I take a keen pleasure in the reflection that long before Sorrow had made my days her own and bound me to her wheel I had written in the The Soul of Man that he who would lead a Christ-like life must be entirely and absolutely himself, and had taken as my types not merely the shepherd on the hillside and the prisoner in his cell but also the painter to whom the world is a pageant and the poet for whom the world is a song.” (S. 922/923)

“Ich sehe eine weit intimere und unmittelbare Beziehung zwischen dem wahren Leben Christi und dem wahren Leben des Künstlers, und ich empfinde starkes Vergnügen an der Überlegung, daß lange bevor Trauer sich meine Tage zu eigen gemacht und mich an ihr Rad gebunden hatte, ich in The Soul of Man geschrieben hatte, daß wer wie Christus lebe, ganz und unbedingt er selbst sein müsse, und hatte als meine Vorbilder nicht nur den Schäfer auf dem Hügel und den Häftling in seiner Zelle, sondern auch den Maler gewählt, für den die Welt ein Tableau ist, und den Dichter, für den die Welt ein Lied ist.” (S. 922/923)

Interessanterweise zitiert Wilde nicht den vollen Titel seines einzigen ausdrücklich politischen Essays The Soul of Man Under Socialism, sondern bleibt dem Grundsatz treu, der galt, nachdem er auf der Anklagebank Platz genommen hatte.

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Wildes Pointe ist subtil. Als kluger Essayist und Theoretiker nimmt er die Leserschaft für sich ein, indem er in der ersten Person Singular spricht, solange er intellektuell unterwegs ist, ehe er die Reichweite seiner Ideen erweitert, indem er die Leserschaft über die erste Person Plural einschließt:

“Nor is it merely that we can discern in Christ that close union of personality with perfection which forms the real distinction between classical and romantic Art and makes Christ the true precursor of the romantic movement in life, but the very basis of his nature was the same as that of the nature of the artist, an intense and flamelike imagination. He realised in the entire sphere of human relations that imaginative sympathy which in the sphere of Art is the sole secret of creation.” (S. 923)

“Auch ist es nicht nur so, daß wir in Christus jene enge Verbindung von Persönlichkeit mit Perfektion erkennen können, die den echten Unterschied zwischen klassischer und romantischer Kunst bildet und Christus zum wahren Vorläufer der romantischen Bewegung im Leben macht, sondern die eigentliche Basis seiner Natur war die gleiche wie die der Natur des Künstlers, eine intensive und flammenartige Phantasie. Er verwirklichte in der gesamten Sphäre menschlicher Beziehungen jenes phantasievolle Mitgefühl, das in der Sphäre der Kunst das Geheimnis des Schaffens ist.” (S. 923)

Nicht in erster Linie zur Veröffentlichung gedacht, sondern in Haft als persönlicher Brief  an Lord Alfred Douglas konzipiert, strebt De profundis in den Folgezeilen einem Höhepunkt zu:

“[Christ] understood the leprosy of the leper, the darkness of the blind, the fierce misery of those who live for pleasure, the strange poverty of the rich. You [Lord Alfred] can see now – can you not? ‒ that when you wrote to me in my trouble, ‘When you [Oscar Wilde] are not on your pedestal you are not interesting. The next time you are ill I will go away at once,’ you were as remote from the true temper of the artist as you were from what Matthew Arnold calls ‘the secret of Jesus.’” (S. 923)

“[Christus] verstand die Lepra des Leprösen, das Dunkel des Blinden, das grausame Elend jener, die dem Vergnügen leben, die sonderbare Armut der Reichen. Du [Lord Alfred] kannst jetzt sehen – oder kannst du nicht? ‒ daß, als Du mir in meiner Not schriebst, ‘Wenn Du [Oscar Wilde] nicht auf Deinem Podest stehst, bist Du uninteressant. Bist Du noch einmal krank, gehe ich sofort’, Du so weit entfernt von der wahren Stimmung des Künstlers warst wie von dem, was Matthew Arnold ‘das Geheimnis Jesu’ nennt.” (S. 923)

Wer würde, nach diesen Zeilen, Wildes Lage mit der von Jesus Christus assoziieren? Sogar wenn das nicht genau das ist, was er meint? In den sehr persönlichen Folgesätzen ist für Sie jedoch zu erkennen, daß Wilde in solcher Extremlage gar nicht anders konnte, als diese Parallele zu ziehen:

“Either would have taught you that whatever happens to another happens to oneself, and if you [Lord Alfred] want an inscription to read at dawn and at night-time and for pleasure or for pain, write up on the wall of your house in letters for the sun to gild and the moon to silver ‘Whatever happens to another happens to oneself,’ and should anyone ask you what such an inscription can possibly mean you can answer that it means ‘Lord Christ’s heart and Shakespeare’s brain.’” (S. 923)

“Beide hätten Dich gelehrt, daß was immer geschieht, einem selbst geschieht, und wenn Du [Lord Alfred] eine Inschrift wünschst, um sie im Morgengrauen und im Abendrot sowie zum Vergnügen oder zur Qual zu lesen, dann schreib an die Mauer Deines Hauses in Lettern, die die Sonne golden und der Mond silbern färben kann ‘Was immer geschieht, das geschieht einem selbst’, und sollte einer Dich fragen, was solche Inschrift womöglich heißt, dann kannst Du antworten, sie heißt so viel wie ‘des Herrn Jesu Christi Herz und Shakespeares Hirn’.” (S. 923)

So gelangt Wilde ganz am Ende dessen, was gut ein verletzter Liebender dem einst Geliebten als Tirade ins Gesicht schleudert, zur Assoziation von Jesus Christus und William Shakespeare in einem einzigen Teilsatz, während viele Leser früher Ausgaben von De profundis gut die Partei James Joyces ergriffen haben könnten, indem sie die zeitgenössische Parallele eines “säkularen Jesus Christus” in der Person von Wilde selbst gesehen hätten.

Joyce jedoch nennt Wilde nicht in diesem besonderen Briefkontext. Tatsächlich schrieb er in Triest 1909 einen Artikel auf Italienisch für eine Tageszeitung am Ort, um den Dichter von Richard Strauss’ Oper Salome der italienischen Öffentlichkeit zu präsentieren. Das ist für manche Kritiker, die mit Wilde und Joyce zwei irische Verbannte verbinden wollen, der Ausgangspunkt. Hier begann auch die “kreative Lesart”, auf die im Titel dieses Blog-Posts verwiesen wird.

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Um ganz zu verstehen, wie es dazu kam, daß ich beide Ebenen von Wildes Diskurs falsch las – die persönliche ebenso wie jene allgemeinere eines Literaten –, mußte ich zunächst alle Verweise auf Wilde im publizierten Buch meiner Doktorarbeit überprüfen. Das Ergebnis war ernüchternd, da mein Verständnis von Wilde im allgemeinen wie auch von De profundis im besonderen zu jener Zeit sich als recht beschränkt erwies.

Einerseits war es mir nicht gelungen, die beiden Ebenen von Wildes Diskurs, die den Brief durchziehen, zu unterscheiden. Das lag daran, daß bei der intensiven Suche nach Stellen, die Wildes Gebrauch gewisser literarischer Termini mit der späteren Anwendung von Joyce in dessen Werken verbinden, mir der Blick verstellt war für die Wertschätzung von De profundis in seinen autobiographischen wie theoretischen Teilen als das letzte Prosawerk, das Wilde schrieb, eine Art Resümee – so wie der Richter ein Resümee zog nach Wildes zweitem Prozeß im Mai 1895.

Andererseits war sich so mit den Folgerungen befaßt, die ich bezogen auf Joyce ziehen könnte, daß mein Blick auf De profundis wirklich sehr eingeschränkt war. Da Josef W. Pesch seine Doktorarbeit Wilde, about Joyce vor mir veröffentlichte, war ich wenigstens imstande, dort zu punkten, wo sein Ansatz ihn daran gehindert hatte, was wiederum meinen eigenen Zugriff auf Wilde einschränkte.

Schließlich erkenne ich erst heute, dreißig Jahre später, was Pesch vorhatte zu tun, nämlich Wilde mit den Augen von Joyce zu lesen – denn das ist der Sinn der Präposition “about”, den er naturgemäß damals nicht angemessen auf Englisch erklären konnte, weil er wie viele andere, mich eingeschlossen, noch daran gehindert war, seine Doktorarbeit auf Englisch zu schreiben.

Nun, kann ich, nach all diesem Vorgeplänkel, endlich erklären, warum ich im Gefolge von Pesch durch die Übernahme der Perspektive, die Joyce im Zeitungsartikel von 1909 annimmt, in die Falle tappte und Wilde falsch las. Joyce zitiert den Grabspruch von Bagneux auf Lateinisch:

“Verbis meis addere nihil audebant et super illos stillebas eloquium suum”.

“To my words they durst add nothing and my speech dropped upon them”. (“Oscar Wilde. The Poet of ‘Salomé’”, in: James Joyce, Occasional, Critical, and Political Writing, ed. Kevin Barry, Oxford: OUP, 2000, p. 148; n. 12, p. 327)

“Meinen Worten wagten sie nichts hinzuzufügen, und meine Rede überwältigte sie.”

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Tatsächlich hatte der letzte Satz, den Joyce schrieb, mein Interesse ebenso geweckt wie die kreative Lesart provoziert:

“The future might engrave another verse there, less haughty and more pious: partiti sunt sibi vestimenta mea et super vestem meam miserunt sortes.”

“They divide my garments among them and cast lots for my clothes” (ibid., p. 148; n. 12, p. 327)

“Die Zukunft mag hier vielleicht einen anderen, auch frömmeren Vers eingravieren: partiti sunt sibi vestimenta mea et super vestem meam miserunt sortes.”

“Sie teilen meine Kleider unter sich auf und werfen das Los um meine Kleider”

Joyce, der gewiefte Schriftsteller, ließ mich mit diesem klugen Höhepunkt seiner Argumentation eine Prophezeiung sowohl in seinen Worten wie in jenen von Psalm 22, 18/19 direkt mit dem Neuen Testament assoziieren, woraus eine gedankliche Abkürzung resultiert, welche die Identifizierung von Wilde, nicht vom Künstler – oder großen Künstlern wie Sophokles, Shakespeare, Shelley, die er alle in De profundis nennt – mit Jesus Christus als logische Schlußfolgerung erscheinen läßt.

Auf diese Weise kann ich jetzt, nach Aufdeckung der Unfähigkeit, mehr aufzunehmen als mein damaliges Hauptinteresse an literarischen Termini in Richtung Theoriebildung und letztlich Textbildung zugelassen hatte, frohen Mutes daran gehen, De profundis im Lichte eines vor kurzem publizierten Werkes neu zu lesen, der langen Novelle, Kleine Dinge Wie Diese von Claire Keegan, die 2021 bei Faber and Faber erschien.

Ich bestellte sie zur Besprechung in diesem Blog, da ich den Übersetzer, Hans-Christian Oeser, seit vielen Jahren kenne, ihm persönlich erstmals auf der Frankfurter Buchmesse mit irischem Schwerpunkt im Oktober 1996 begegnet war. Zuletzt trafen wir uns ebendort 2013, als er gerade Friedhelm Rathjen für eine preisgekrönte Übersetzung von A Portrait of the Artist as a Young Man belobigt hatte.

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Im Januar 1998 hielt Oeser in der English Discussion Group an der Universität Münster einen Vortrag zur  Übersetzung von Titelformulierungen ins Deutsche – traditionell ein Privileg, das sich Verlage durch eine Klausel im Vertrag vorbehalten. In den meisten Fällen, außer bei irischen Klassikern wie Wilde und Joyce, sind Titel durch die Übersetzung nicht mehr erkennbar, obwohl der Originaltitel stets Teil des Impressums ist.

Hier gibt es jedoch keine Abweichung vom Originalwortlaut:

“Small Things Like These”

“Kleine Dinge Wie Diese”

Da der Titel aus dem Novellentext stammt, ist offenbar ein bedeutendes Motiv, wenn nicht gar ein Leitmotiv stellvertretend für den Text ausgewählt worden – und hier war das nicht der Übersetzer, anders als bei Wildes De profundis, der dies 1908 in Person von Max Meyerfeld tat, wenn auch in Übereinstimmung mit Wildes Ursprungsidee, wie er sie in einem Brief an Robert Ross ausdrückte: “Epistola: in Carcere et Vinculis” (De Profundis being the first complete and accurate version of ‘Epistola: in Carcere et Vinculis’, the last prose work in English of Oscar Wilde, with an introduction by Vyvyan Holland, London: Methuen, 1949, S. 11)

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In einem Sinn ist die Besprechungsteil dieses Blog-Post also eine Hommage an die Übersetzerzunft in Person von Hans-Christian Oeser, der seit über drei Jahrzehnten die deutsche Leserschaft mit Prosa und manchen Gedichten aus dem irischen und anderen Varietäten des Englischen bekannt macht.

Da ich Kleine Dinge Wie Diese zum größten Teil erlesen habe, als ich schlaflos in einem Jugendherbergsbett lag und während eine Nachtleuchte brannte, wie sie heutzutage solchen Unterkünften eigen ist, kann ich mir endlich vorstellen, was ältere Zeitgenossen fühlten, als sie Mord in der Rue Morgue, Das Bildnis des Dorian Gray, Dracula, Frankenstein, Dr Jekyll und Mr Hyde, Jude the Obscure und andere einst übel beleumundete klassische Romane oder Novellen in den 1960ern mit Hilfe einer Taschenlampe lasen. Damals wurde jede Form der Verirrung oder der sozialen Abweichung ein Skandal, wenn sie in Romanform erschienen, also wurden die Bücher in Übersetzung unter dem Ladentisch verkauft oder in billigen Ausgaben mit harmlosen Einbänden.

Heute ist es nicht zu vermeiden, in den Medien von Mißbrauch zu lesen, also ist ein Romanautor, der solche Fragen berührt, genötigt, sich Zeit zu nehmen und das Material geduldig und sozusagen unauffällig zu präsentieren, damit auch andere Fragen auftauchen können. Als ich Kleine Dinge Wie Diese und De profundis hintereinander las, ließ mich jeder Hinweis auf Magdalen, gemeint ist natürlich Magdalen College Oxford, an biblische Assoziationen denken. Für Wilde waren im Rückblick

 

“the two great turning-points of my life were when my father sent me to Oxford, and when society sent me to prison.” (De profundis, S. 915)

“die beiden großen Wendepunkte meines Lebens, als mein Vater mich nach Oxford schickte und als die Gesellschaft mich ins Gefängnis schickte.” (De profundis, S. 915)

Also war Magdalen College auch der Ort, über den er sagt:

“I remember when I was at Oxford saying to one of my friends – as we were strolling round Magdalen’s bird-haunted narrow walks one morning in the June before I took my degree [1878] – that I wanted to eat of the fruit of all the trees in the garden of the world, and that I was going out into the world with that passion in my soul.” (S. 921)

“Ich denke daran, in Oxford zu einem der Freunde gesagt zu haben – als wir Magdalens von Vögeln heimgesuchte kleine Wege an einem Junimorgen, bevor ich meinen Abschluß machte, entlang schlenderten [1878] –, daß ich von den Früchten aller Bäume im Garten der Welt essen wolle und daß ich in beseelt von dieser Leidenschaft in die Welt hinausginge.” (S. 921)

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Diese angenehme Aussicht ist nur die halbe Wahrheit in Wildes Vita. Unangenehm und traurig ist der Teil, um den es letztlich in De profundis geht, doch worum es in Kleine Dinge Wie Diese geht, hat mit dem zu tun, was Madgalenenwäschereien für über ein Jahrhundert für irische Frauen bedeutet hat: Ein Artikel mit dem Titel “How Ireland Turned ‘Fallen Women’ Into Slaves. Until 1996, pregnant or promiscuous women could be incarcerated for life in Magdalene Laundries.” (Wie Irland ‘Gefallene Frauen’ zu Sklaven machte. Bis 1996 konnten Schwangere oder Frauen mit vielen Sexualkontakten lebenslänglich in Magdalenenwäschereien eingesperrt werden.”) ist im Internet leicht auffindbar. Er zeigt die Fakten einer traurigen Geschichte, die Tausende Frauen und ihre Babys betraf, von denen viele in jeder einzelnen dieser Wäschereien starben, während die Novelle auf ein Baby zentriert ist, das das Glück hatte zu überleben und schließlich eine andere verlorene Seele an einem anderen Heiligabend rettet.

https://www.history.com/news/magdalene-laundry-ireland-asylum-abuse

(Zugriff: 19. April 2022)

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In der Fiktion können “kleine Dinge wie diese”, also “small things like these” oder, in Wildes Worten, “little things,[...] a tiny seed, [...] a handful of leaves, [...] a pearl” , “ein winziger Samen, [...] eine Handvoll Blätter, [...] eine Perle” (De profundis, S. 925) dazu dienen, ein Mosaik an Fakten zusammenzupuzzeln, das Bill Furlong, der Protagonist von Keegans Novelle ebenso wie der Leser erkennen muß – nicht im Lauf eines relativ kurzen Textes, sondern in einer Lebenszeit, die zur Erzählzeit fast schon vier Jahrzehnte umfaßt. Aus seiner Biographie fehlen grundlegende Fakten – seine Zeugung, wer sein Vater war, wie seine Mutter es schaffte, der Magdalenenwäscherei von New Ross zu entkommen – sie werden ihm und dem Leser offenbart – so wie “kleine Dinge wie diese” in jedermanns Alltagsleben auftauchen können.

Und die Novelle erzählt auch die Geschichte, wie unterhalb der Konfessionsgrenze, die Protestanten und Katholiken in der Republik Irland trennt, “kleine Dinge wie diese” alleinstehenden Frauen erlauben, ob nun verwitwet oder aus anderen Gründen ledig, zusammenzuhalten, weil ihre Gebetbücher nur einmal wöchentlich im jeweiligen Gotteshaus genutzt werden, wohin Ned sowohl Mrs Wilson als auch Bill und seine Mutter in Mrs Wilsons Wagen fährt, ehe die beiden Bücher für eine weitere Woche zum Sideboard zurückkehren.

Auf sehr subtile Art ist die Vermittlung dieses Teils ihrer Wochenroutine Keegans Methode zu zeigen, daß die Beteiligten nur einen Gott kennen, wohingegen sie für die Gesellschaft an verschiedenen Orten beten, während dere Wagen und das Herrenhaus, wo sie alle leben, wie ein Heiligtum ist, das jeder – auch Wilde in einem früheren Jahrhundert eingeschlossen – sowohl vor als auch nach der Unabhängigkeit nur zu gern gehabt hätte.

Ich kann nur dazu auffordern, De profundis und Kleine Dinge Wie Diese zu lesen und wiederzulesen! Besonders in einer internationalen Krise, deren Lösung umso  ferner liegt, je lauter die Kriegstreiber, die, wie meine Generation nie Krieg erfahren haben, schreien, ist es nötig, sich der Literatur zuzuwenden, um wieder weit zu denken. Und bevor ich für einen Monat schweige, nenne ich noch einen Nachgedanken, erneut aus James Joyces Roman Ulysses, dessen Publikation vor genau 100 Jahren wir 2022 feiern:

“‒The world believes that Shakespeare made a mistake, [Eglinton] said, and got out of it as quickly and as best he could.

‒Bosh! Stephen [Dedalus] said rudely. A man of genius makes no mistakes. His errors are volitional and are the portals of discovery.”

“‒Die Welt glaubt, Shakespeare habe einen Fehler gemacht, sagte [Eglinton], und habe sich dessen so rasch und gut wie möglich entledigt.

‒Pa! sagte grob Stephen [Dedalus]. Ein Genie macht keine Fehler. Sein Irren ist gewollt und das Tor für Entdeckungen.” (James Joyce, Ulysses, hg. Hans Walter Gabler mit Wolfhard Steppe und Claus Melchior, London: The Bodley Head, 1993 (1986), 9.226-229)

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Gesund und munter bleiben, alle!

Jörg W. Rademacher

19./21./25.-26. April 2022

 

 

Bibliography:

Abb. 01: Scofield Study Bible Matthew 27.27-29

Abb. 02 S. 922/923 aus The Complete Works of Oscar Wilde, hg. Vyvyan Holland, Glasgow: Collins, 1983 (1966).

Abb. 03: James Joyce’ s Own Image (Cover) und Walter Pater, Marius the Epicurean (Cover)

Abb. 04: The Soul of Man Under Socialism (Cover); Des Menschen Seele im Sozialismus (Cover) beide Texte sind gedruckt und digital verfügbar

Abb. 05: Josef W. Pesch, Wilde, about Joyce (Cover); James Joyce, Oscar Wilde, Salome, 1893 (französisch), 1894 (englisch), Deutsches Libretto, 1905 (Cover; Titelseite)

Abb. 06 James Joyce, Occasional, Critical, And Political Writing, hg. Kevin Barry (Cover)

Abb. 07: Ein Porträt des Künstlers als junger Mann, übersetzt von Friedhelm Rathjen, München: Manesse 2012 (Cover)

Abb. 08: Claire Keegan, Kleine Dinge Wie Diese (Cover), übersetzt von Hans-Christian Oeser, Göttingen, Steidl, 2022, 18 €; De profundis 1949 (Titelseite)

Abb: 09: Plan von Magdalen College Oxford; Gefängniszelle im Zuchthaus Reading

Abb. 10: Screenshot von “How Ireland Turned ‘Fallen Women’ Into Slaves. Until 1996, pregnant or promiscuous women could be incarcerated for life in Magdalene Laundries.”

Abb. 11:  James Joyce, Ulysses, hg. Hans Walter Gabler mit Wolfhard Steppe und Claus Melchior (Cover)

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