Wer spricht, beherrscht - Sprache im Schatten kolonialer Gewalt

Oscar Wilde wird in den beiden hier präsentierten Büchern nicht genannt. Bei dem Kanon an Schriftstellern, der in britischen Kolonien vermittelt wurde, ist das keine Überraschung. Sogar in einem Essay von 1948 hat T. S. Eliot auf Schriftsteller wie Wilde nicht namentlich verwiesen. Es wäre interessant herauszufinden, was Ngũgĩ wa Thiong’o zu Wilde zu sagen hat.

Fenna Reus unternimmt eine neuerliche Betrachtung zweier schon lange ihre Gedanken verbreitender, aber immer noch lesenswerter Bücher, die nun endlich in zwar nicht identischer Ausstattung, aber dennoch in intellektuell verwandter Gestalt vom gleichen Verlag vertrieben werden. Sowohl die Vorlesungen aus Dekolonisierung des Denkens als auch die Vorträge und anderen Beiträge aus Moving the Centre sind im englischsprachigen Original zwar im Internet frei erhältlich, aber als Bücher nicht mehr im Markt präsent. Hier wird bibliographisch auch richtig gestellt, was Ngugi auch selbst festhält: Moving the Centre ist sein letztes, zuerst auf Englisch publiziertes Buch; seither hat er immer er in Kikuyu geschrieben, dann sich selbst übersetzt oder übersetzen lassen.

Die Bedeutung afrikanischer Sprachen für die kulturelle Entkolonisierung

Dekolonisierung des Denkens

Essays über afrikanische Sprachen in der Literatur

3. Auflage

aus dem Englischen von Thomas Brückner

ISBN: 978-3-89771-235-5

Die letzten kulturpolitischen Essays in englischer Sprache eines der bedeutendsten Schriftsteller Ostafrikas

Moving the Centre

Essays über die Befreiung afrikanischer Kulturen

2. Auflage

aus dem kenianischen Englisch von Jörg W. Rademacher, herausgegeben vom Arbeitskreis Afrika, Münster (AKAFRIK)

ISBN: 978-3-95405-092-5

Die 2. Auflage ist ein unveränderter Nachdruck der deutschen Erstausgabe von 1995.
Das eBook ist eine 2023 vom Übersetzer vollständig durchgesehene und korrigierte sowie um ein Personenregister ergänzte Fassung des Erstdrucks von 1995.

 

Wer spricht, herrscht – Sprache im Schatten kolonialer Gewalt

“Die Sprache trägt die Kultur und die Kultur trägt, vor allem durch mündliche Dichtung und schriftlich fixierte Literatur, den gesamten Korpus der Werte, durch die wir uns selbst und unseren Platz in der Welt erfassen.“ (DDD, S. 50)

Alle zwei Wochen stirbt nach Schätzungen der UNESCO eine Sprache aus. Das ist nicht nur ein Verlust sprachlicher Diversität. Sprache ist einerseits Kommunikationsmittel, andererseits Träger von Kultur. Sie bestimmt, wie wir uns selbst und unsere Welt wahrnehmen.

Doch auf welcher Grundlage geschieht diese Wahrnehmung? Für viele, die im Globalen Norden geboren und aufgewachsen sind, wirkt diese Frage abstrakt – weil das, was wir lernen und glauben, oft als universell gilt. Wenn wir an einflussreiche Denker denken, fallen den meisten eher Shakespeare, Kant und Newton ein als Tagore, Fanon oder Milstein. Kein Wunder, wenn uns erstere im Bildungssystem häufiger begegnen. Für Schriftsteller wie Ngũgĩ wa Thiong’o war ihr Platz im Kanon hingegen hart erkämpft und keine Selbstverständlichkeit.

Wenn Worte bestraft werden

Ngũgĩ wa Thiong’o wurde 1938 in Kenia geboren und wuchs unter der Kolonialherrschaft auf. Der Verlust seines Bruders und die Folter seiner Mutter im Mau-Mau-Aufstand hinterließen tiefe Spuren. In Dekolonisierung des Denkens (1986) und Moving the Centre (1993) macht er deutlich, wie der Kolonialismus und Neokolonialismus politische, ökonomische und soziale Strukturen Afrikas bis heute prägen.

Seine persönlichen Erfahrungen stehen exemplarisch für viele Menschen in Afrika. Ngũgĩ wa Thiong’o prägte den Satz: “The Third World is all over the world” (MTC, englische Ausgabe, online frei zugänglich; S. 18: “Die ›Dritte Welt‹ ist auf der ganzen Welt.” ePub). Was westlich ist, gilt als universell; was aus dem Globalen Süden stammt, wird entwertet.

Schon in der Schule erlebte er die Folgen dieser Denkweise: Wer beim Sprechen seiner Muttersprache – in seinem Fall Kikuyu - erwischt wurde, erhielt Prügel oder musste ein Schild mit der Aufschrift “Ich bin doof” tragen. Englisch dagegen galt als “the language spoken by God” (MTC, S. 33; “In der Tat wurde uns das Englische so dargestellt, als wäre es die von Gott gesprochene Sprache.” ePub). Damit wurden eurozentrische Wertmaßstäbe verankert und alles “Andere” als minderwertig abgestempelt.

Sprache als Unterdrückungsinstrument – Körperlose Köpfe und Kopflose Körper

Sprache wirkt als Werkzeug der mentalen Unterwerfung. Wenn eine Gewehrkugel physische Herrschaft symbolisiert, fungiert Sprache als Mittel geistiger Versklavung. Noch heute berichten Menschen aus Afrika von der Entfremdung von ihrer eigenen Sprache – ein Symptom des Neokolonialismus.

Die Hierarchie der Sprachen bildet die weltweiten Machtverhältnisse ab: Europäische Literatur wird global hochgehalten, während nicht-europäische Autorinnen und Autoren kaum Gehör finden. Dieses Ungleichgewicht führt zu stereotypischen westlichen Bildern Afrikas, die in Medien und Bildungssystemen verfestigt werden.

Schon im Kolonialismus diente Literatur als Vehikel rassistischer Ideologien. Manche Werke legten offen eine Minderwertigkeit afrikanischer Kulturen nahe; andere rückten den “weißen Retter” ins Zentrum und dämonisierten Aufbegehren gegen Fremdherrschaft als unzivilisiert.

Wer über Sprache bestimmt, lenkt auch die Gedanken. Englisch etwa wurde zum Synonym für Intelligenz und Leistungsfähigkeit – von Kunst über Naturwissenschaften bis zur Verwaltung. Sprachkenntnisse in der Kolonialsprache galten als Gütesiegel, indigenen Sprachen wurde hingegen kaum Wert beigemessen.

Diese Strukturen bestehen fort: Westliche Medien prägen das Afrikabild, Französisch, Englisch und Portugiesisch dominieren Bildung und Verwaltung. Einheimische Sprachen bleiben an den Rand gedrängt, Lehrpläne folgen europäischen Standards und schließen afrikanische Geschichte und Philosophie weitgehend aus.

Die Folge ist eine tiefe Entfremdung: Viele Menschen fühlen sich von ihrer Kultur und Sprache abgeschnitten, entwickeln stattdessen eine stärkere Bindung an das Fremde. Lernen wird so zu einem rein intellektuellen Akt, der von der gelebten Erfahrung abgekoppelt ist.

Aus sprachlichen Ketten befreit: Die Muttersprache als Schlüssel zur Freiheit

Wer über Sprache herrscht, beherrscht die Wahrnehmung eines Volkes. Deshalb fordert Ngũgĩ wa Thiong’o, einen Begriff der Befreiung vom Neokolonialismus, der nicht etwa die kulturelle Sphäre vernachlässigt, sondern dass afrikanische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ihrer eigenen Sprache schreiben. Nicht in Englisch, Französisch oder Portugiesisch, sondern in Kikuyu, Swahili und anderen afrikanischen Sprachen.

Das Schreiben in europäischen Sprachen sei “a case of black skins in white masks wearing black masks” (MTC, S. 20; “Sie ist nun ein Fall von schwarzer Haut in weißen Masken, die wiederum schwarze Masken tragen.” ePub). Diese Anspielung auf Fanons Black Skin, White Masks bezeichnet den Minderwertigkeitskomplex, den People of Colour entwickeln, wenn sie sich an weiße Ideale anpassen. Nur durch Schreiben und Denken in der eigenen Sprache lässt sich dieser Komplex überwinden.

Ziel ist die Dis-Alienation: keine Diskrepanz mehr zwischen gesprochener Sprache und kulturellem Zentrum. Jede Sprache und Ausdrucksform soll als gleichwertig anerkannt werden. Erst in der Muttersprache zu schreiben und dann zu übersetzen, ermöglicht die Rückeroberung kultureller Identität.

Dass sich Englisch mittlerweile als praktikable Lösung durchgesetzt hat, kann nicht geleugnet werden. In der Phase der Verschiebung des kulturellen Zentrums solle dem Schreiben in der Muttersprache eine Übersetzung folgen. Frankophone afrikanische Literatur ist also ein notwendiger Zwischenschritt, das Ziel aber die Rückkehr zu der Muttersprache.

 

“The Third World is all over the World” - Die Vision eines neuen Morgens

Ngũgĩ wa Thiong’o versteht die Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt für einen fortwährenden Befreiungsprozess. Entmutigung kennt er nicht; vielmehr sieht er die Chance, eine Weltordnung des Pluralismus und kulturellen Austauschs zu etablieren. In seinem Bild wird Afrika nicht mehr auf eurozentrische Fiktionen reduziert, sondern tritt als Subjekt eigener Geschichte auf.

Ein Kern dieser Vision ist die Verschiebung des Zentrums auf zwei Ebenen: international hin zu vielen gleichwertigen Nationen und innergesellschaftlich von elitären Kreisen hin zu den Bewahrerinnen und Bewahrern der afrikanischen Traditionen. Lernen soll wieder als gelebte Erfahrung verstanden werden, nicht nur als intellektuelle Abstraktion.

Ngũgĩ wa Thiong’o hinterfragt die Legitimität des Englischen als Weltsprache, weil es in Afrika lange ein Instrument der Unterdrückung war. Seine Lösung: Viele Sprachen können parallel existieren, eigene kulturelle Zentren bilden und dennoch in Austausch treten – eine Sprache für die Welt und eine Welt voller Sprachen schließen sich gegenseitig nicht aus.

Ein solches Mehrfach-Zentrum auf Basis von Unabhängigkeit und Gleichwertigkeit ist keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. Es ermöglicht einen echten Dialog zwischen Kulturen, in dem Afrika nicht länger Spielball, sondern aktiver Gestalter ist.

Für uns Europäer bedeutet literarische Offenheit weit mehr, als nur bekannte Pfade zu betreten. Wenn wir Bücher aus Afrika nicht als exotischen Blickfang abtun, sondern uns aktiv und ernsthaft mit ihren Erzählungen auseinandersetzen, schaffen wir Raum für neue Perspektiven und Dialoge. Indem wir afrikanischen Autorinnen und Autoren Lesungen widmen, ihre Werke erwerben und in unseren Lesezirkeln diskutieren, stärken wir ihre Stimmen im internationalen Diskurs. Nur durch solches Engagement gelingt es uns, den literarischen Mainstream zu erweitern und einen Kanon zu formen, der die Lebensrealitäten aller Kulturen authentisch widerspiegelt.

Wenn es um die Kultur eines gesamten Kontinents geht, dann ist das längst Mainstream.

Fenna Reus

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