Über den Atlantik schauen und zurück ins Paris von 1899

Liebe Leserschaft meines Blogs,

während in Ostfriesland eher tropische Nächte als Hundstage Schlaflosigkeit verursachen und uns für jeden Geschmack viel zu früh erwachen lassen, ist es der frühe Vogel, der sich an Bildern labt, die Oscar Wildes Ausflug in die Pariser Umgebung in den damaligen Kontext stellen. John Cooper hat in seinem letzten Blog eben 14 Ansichtskarten hochgeladen, deren Inhalt mich daran denken ließ, wie das Individuum Wilde uns wahrzunehmen erlaubt, was bereits für alle auf dem Spiele stand.

Denkt man nur vier Jahre zurück, als wir ebenfalls einen tropischen Sommer durchlebten und als unser Feigenbaum, damals noch im Topf, drei köstliche Feigen ergab – sehr selten in unseren Breiten, das kann ich bestätigen! – hätten nur diejenigen, begabt mit einer besonderen Sensibilität oder bis ins Mark von unseren trüben Zeiten verwundet, erahnt, was kommen würde. Also nichts wie hin zur Webseite „Oscar Wilde in America“ und sich diese Bilder anschauen!

Beste Grüße,

Jörg W. Rademacher

 

 

Jörg W. Rademacher sagt:

July 17, 2022 at 5:20 am (New York, Ortszeit, wohlgemerkt!)

Erneut ist das sehr interessant, ergibt sich doch ein Blick darauf, wie Photographen, nicht impressionistische Maler diesen Ort um die vorletzte Jahrhundertwende wahrnahmen. Jedoch ist es die Ruhe vor dem Sturm einerseits, dem Ersten Weltkrieg also, der ganz früh die Gegend an der Marne verwüsten würde, und mit Blick darauf, wie anderseits das Privatleben getroffen werden würde – so wie Wildes Leben privat wie öffentlich wenige Jahre zuvor zerstört worden war. In all dem war Wilde ein Vorläufer, etwas, das wir jetzt nach fast 30 Monaten Pandemie möglicherweise besser verstehen könnten.

John Cooper sagt:

July 17, 2022 at 12:28 pm

Danke Jörg für Deine inhaltsreiche Antwort.

Nach meiner Ankündigung vor kurzem, daß ich in Bälde mehr über die Verbindung zwischen Oscar Wilde und der Schoah wie den jahrzehntelangen Vorlauf werde sagen können, erkenne ich nun, daß es sogar in Frankreich eine Verbindung gibt zwischen vergifteter Sprache und vergiftetem Denken, wie sie von Antisemiten vorgetragen wurden – all das würde die Öffentlichkeit beeinflussen, so wie auf individueller Ebene und fiktiv Wilde gezeigt hatte, daß Dorian Gray sowohl von solchen giftigen Ideen angezogen wurde als auch später andere anziehen würde als Autor ähnlich giftiger Sprache oder ebensolchen Denkens. Jegliche Worte und jegliches Denken birgt Gefahr.

Da solche Fragen komplex sind, bin ich ganz glücklich, jetzt diese Ideen im Kontext der Bilder anzufügen, die ich heute Morgen mit Vergnügen entdeckte,

noch einmal, ich wünsche einen schönen Sommer, um alles zu genießen, was es so gibt, Herbst und Winter könnten mit Mißvergnügen beladen sein und auch sehr kalt werden. Also wenigstens das Herz warm halten und gesund und munter bleiben,

Jörg W. Rademacher

Oscar Wilde in America.blog

Abb. 1: Der Mann im roten Rock (Julian Barnes; übers. v. Gertraude Krueger; Köln: Kiepenheuer & Witsch 2021)

Wer noch Sommerlektüre sucht, möchte vielleicht einem der letzten Romane von Julian Barnes sich zuwenden, den ich vor einigen Monaten als Geschenk erhielt und den ich nicht auf eine einsame, sondern auf die kleinste der sieben ostfriesischen Inseln mitnehmen werde.

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