November 2023: Aktualisierung und Ergänzung mit Veranstaltungshinweisen / Kommentar zum Oktober-Gedicht: “Portia”

November 2023: Aktualisierung und Ergänzung mit Veranstaltungshinweisen

Liebe Leser meines Blogs,

das zu Ende gehende Jahr nötigt mich dazu, eine Einzelansicht, die mich zum vertieften Nachdenken und Nachforschen veranlaßt, noch einmal in einem größeren Zusammenhang darzustellen. Denn seit dem 7. Oktober 2023, dem Überfall der Hamas auf Israel und der Massentötung von Juden und Jüdinnen, weil sie jüdisch sind, ist der über Jahrzehnte verharmloste und zumeist der Öffentlichkeit verborgene Antisemitismus auch in Deutschland und Österreich bis auf die Straßen hinaus erneut gewaltsam gegenwärtig. Allein die Straftaten, die im Namen des Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 in Berlin verübt wurden, sprechen Bände.

Um so wichtiger ist es deshalb, überall nun auch für die Demokratie einzustehen, denn Israel ist die einzige Demokratie in Nahost. Sie ist gefährdet, wie auch die unsrige gefährdet ist.

Um so wichtiger ist es deshalb auch wahrzunehmen und mitzuteilen, wie gefährlich die Gedanken sind, die uns mehr oder minder unbewußt Richtung Billigung des Antisemitismus lenken. Wie kommerzielle Werbung, so wirkt auch politische Propaganda durch ständige Konfrontation mit Dingen, die wir gar nicht “kaufen” wollen, die uns dennoch beharrlich untergejubelt werden.

Um so wichtiger ist es auch, den bereits einmal publizierten Post noch einmal als “Gegengift” zu verbreiten. Denn die Wege der Erkenntnis sind zwar oft lang und langwierig, aber sie zu beschreiten hilft um so mehr, desto länger wir sie gehen. Wer diesen Post noch einmal liest im Lichte der vergangenen vier Wochen, wird vielleicht manches nun ganz anders einordnen. Auch weise ich darauf hin, daß der Antisemitismus, der auch im 19. Jahrhundert grassierte, durch die Lektüre von Tagebüchern und Briefen Queen Victorias sozusagen von der obersten Repräsentantin wenn zwar nicht öffentlich sanktioniert wurde, weil ihre Schriften zumeist erst posthum erschienen, so doch im Nachhinein, als ihr Denken Gemeingut wurde, noch einmal eine Bekräftigung erfuhr. Da Queen Victoria ja zur Ikone eines Zeitalters wurde, das noch heute mit ihr und ihrem Denken identifiziert wird, ist die Langlebigkeit mancher Denkfiguren, die sie geprägt hat, ebenso wenig überraschend wie das “Überleben” des gewalttätigen und gewaltsamen Antisemitismus in Hinterzimmern und Oberstübchen, obwohl er über 75 in Deutschland und Österreich aus historischen Gründen hochoffiziell geächtet worden ist.

Nicht zuletzt weise ich auf drei Veranstaltungen zu Gunsten von Mitzva e.V. hin (info@mitzva.de), bei denen Zeitzeugenschriften von Tanya Kagan-Josefowitz und Schriften und Kalender von und zu Oscar Wilde für die von Latet in Israel durchgeführten Soforthilfeprojekte abgegeben werden sollen.

Norden, Ulrichsgymnasium, 16. November 2023 (Schulveranstaltung)

Leer, ev. Lutherische Friedensgemeinde, 30. November 2023, 16 – 18 Uhr

Leer, Kücks Biomarkt, Logabirumer Straße, 7. Dezember 2023, 15 Uhr 30 – 17 Uhr

Wer ganz direkt spenden und sich zuvor informieren will, greife direkt auf www.mitzva.de zu.

Mit den besten Wünschen, Jörg W. Rademacher

 

Februar 2023: Kommentar zum Oktober-Gedicht: “Portia”

Liebe Leser meines Blogs,

wie versprochen in der Nachschrift zu meinem Januar-Eintrag, möchte ich nun mehr im Detail zeigen, was eine kryptische Bemerkung in einer ansonsten rein praktisch ausgerichteten E-Mail zum diesjährigen Kalender ausgelöst hatte. Mag der Oktober noch weit entfernt sein, möchte ich dennoch weiterkommen und die Ergebnisse meiner Recherche so bald wie möglich präsentieren, nachdem ich den Fall des vernachlässigten Antisemitismus bei “Portia” schon im Januar festgestellt hatte. Denn so viel ist klar, sobald das erledigt ist, muß ich noch einen Schritt weitergehen und meine Ergebnisse zu den stereotypisch antisemitischen Passagen in einigen Kapitel von The Picture of Dorian Gray veröffentlichen wie auch zu dem, was verschiedene Übersetzer in unterschiedlichen Sprachen, zumeist im Deutschen, aber auch manche im Französischen und Italienischen, im letzten guten Jahrhundert jeweils daraus in ihren Texten gemacht haben.

Da ist also nun eines von Wildes Gelegenheitsgedichten, gewidmet der Aktrice Ellen Terry und zuerst veröffentlicht in der World am 14. Januar 1880, später gesammelt in Poems (1881) und seither immer wieder anthologisiert und zweimal von mir ausgewählt für einen Oscar-Wilde-Kalender, im ersten für 2015 und in der Ausgabe für dieses Jahr.

Auf Englisch schien mir die Art der Anrede des lyrischen Ichs an die Aktrice in der Rolle der Portia nicht besonders unkonventionell. Vielleicht kennen Sie ja das Stück nicht. Hier ein Plot-Resümee:

Die junge Erbin Portia hat gerade ihren Vater verloren, der testamentarisch sicherstellen wollte, daß sie die richtige Person heiratet, indem er ein Spiel verfügt, worin der glückliche Gewinner den richtigen Behälter wählt. Portia ist mit Bassanio verlobt, dem Venezianer, der, um sie heiraten zu können, seinen Freund Antonio, den Kaufmann des Titels, um Hilfe bittet.

Antonio jedoch steckt finanziell in der Klemme und bindet sich an Shylock, den jüdischen Geldverleiher. Als Antonio nicht zahlt, verklagt ihn Shylock vor Gerücht für das laut Vertrag ihm zustehende Pfund Fleisch. An dieser Stelle taucht Portia in Männerkleidern vor Gericht auf, um sich Antonios augenscheinlich verlorener Sache anzunehmen.

Wie der Plot des Stückes, ist das Sonett zweiteilig. Im Oktett, wie im in Belmont spielenden Teil des Stücks, herrschen Liebe und eine schöne Frau. Im Sextett, wie im in Venedig spielenden Teil des Stücks, übernehmen Shylock und Antonio mit ihrem Bund. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen vom Glück ausgeschlossen, das dem schönen Berg gilt, wie Belmont übersetzt heißt.

Mir gefiel der Gedanke, solche Gelegenheitsgedichte in einen Kalender aufzunehmen, da sie einen Blick auf das literarische Leben erlauben, wie es der junge Oscar Wilde führt. Lesen Sie selbst:

 

Portia

I marvel not Bassanio was so bold

To peril all he had upon the lead,

Or that proud Aragon bent low his head,

Or that Morocco’s fiery heart grew cold:

For in that gorgeous dress of beaten gold

Which is more golden than the golden sun,

No woman Veronesé looked upon

Was half so fair as Thou whom I behold.

Yet fairer when with wisdom as your shield

The sober-suited lawyer’s gown you donned

And would not let the laws of Venice yield

Antonio’s heart to that accursèd Jew –

O Portia! take my heart: it is thy due:

I think I will not quarrel with the Bond.

(1880)

 

Rückblickend ist der Lyriker wie der Romancier Wilde so sehr Teil der antisemitischen Tradition, mit der er in England und Irland aufwuchs, daß der Halbsatz “that accurséd Jew” (Z. 12 von “Portia”) ihm nicht als Fehlgriff auffiel.

Seine formale Bildung ist eher englisch denn irisch, während informell seine Eltern ihn mit irischem kulturellen Hintergrund versorgen. Ich müßte viel mehr ausholen, als dies in diesem Text möglich wäre, um diese Art Antisemitismus mit irischen oder englischen Quellen zu verbinden.

Später revidierte Wilde diese Stelle nicht, noch bieten die Herausgeber der kritischen Edition eine erklärende Anmerkung.

Ganz klar, jeder hat dieses Adjektiv als selbstverständlich hingenommen, keinen Moment daran zweifelnd, daß Wilde, wie so viele Vorläufer, nur von Shylock, der im Sonett nicht namentlich genannt ist, als Individuum spricht, das zufällig jüdisch war.

Tatsächlich sorgte Wilde, wie so viele vor und nach ihm, dafür, daß man sich nach Lektüre des Gedichts bezogen auf Shylock nur an sein Judesein erinnert. Um die Dinge noch schlimmer zu machen, wählte Wilde ein im Wortsinne verdammendes Epitheton.

Da ich das Gedicht für den Kalender auswählte, hätte ich die Stelle gesehen haben müssen. Das tat ich nicht, denn erst im August 2022 erkannte ich, wie Wilde auf ähnliche Weise mit dem Theaterdirektor in The Picture of Dorian Gray umgegangen war.

Nach einem Hinweis in einer Studie einer deutschen Gelehrten zu jahrhundertealten antisemitischen Stereotypen hatte ich ein heißen Augustwochenende mit dem Studium all meiner englischen und deutschen Ausgaben des Romans mit Blick auf diese Frage verbracht. Also wußte ich, was mir bevorstand, als ein Freund mir im Dezember nach Erhalt des Kalenders per E-Mail sein Mißbehagen zu “Portia” zum Ausdruck brachte. Ich müßte die Dinge richtigstellen, und ich konnte  nur noch diese Anmerkung zu Protokoll geben.

Wohl schaute ich mir eine weitere Übersetzung an, die ich auf meinen Regalen fand, wo “that accurséd Jew” durch “Dem tück’schen Juden” wieder gegeben ist. Das heißt, er ist reich an List und anderen negativen Eigenschaften, welche die so bezeichnete Person als böse, oder, schlimmer, als absichtsvoll böse markieren. (Der Deutsche Wortschatz von 1600 bis heute [DWDS], Zugriff: 6. Januar 2023) Weder meine Edition ausgewählter Werke auf Französisch aus der Pléiade-Serie noch eine schweizerische Ausgabe jüngeren Datums von Wilde-Gedichten enthält “Portia”. In solchen Fällen wird üblicherweise nichts zu unberücksichtigten Werken vermerkt.

Die andere verfügbare Übersetzung stammt von Gisela Etzel (1880-1918; Online-Katalog der Deutschen Nationalbibliothek; Zugriff: 6. Januar 2023). Von der aktuellen unterschieden ist sie nur dadurch, daß das dort verwendete Adjektiv “tückisch” zum elaborierten Kode gehört. (DWDS)

Nun enthält die Übersetzung im Kalender für 2023 aus der Feder von Günter Plessow (*1934) die Wendung “dem abgefeimten Juden” für “that accurséd Jew”, was, falls möglich, noch schlimmer ist, da das Adjektiv nicht nur die Konnotation List enthält, sondern auch, daß die so bezeichnete Person ein Gauner oder Lügner oder Trickser im Geschäft ist. Das sind nur wenige Beispiele aus einer langen Liste möglicher Denotationen des Terminus. Wer ihn nutzt, gewährleistet, daß wer immer negative Verhaltensweisen mit dem Terminus “Jew” assoziiert, hier seine Vorurteile bestätigt findet. (DWDS)

Das englische Wort “accurséd” jedoch konnotiert gemäß dem Shorter Oxford English Dictionary klar eine christliche Bedeutung, so daß Wildes antisemitischer Standpunkt den jahrhundertealten christlichen Antijudaismus in sich birgt, mit dem Gebildete in katholischen wie protestantischen deutschen Gemeinden und Familien bis vor kurzem aufwuchsen.

Das ist einerseits schlimm genug, da ich auf Anhieb “accurséd” durch “verflucht” wiedergab, was bezogen auf meine Herkunft aus einer gemischten Familie mit katholischen und protestantischen Zweigen nur logisch war. Heute ist das unspektakulär, doch in den 1970ern war es problematisch. Und es nötigte mich zur Jahrzehnte dauernden Selbstbildung in geistlichen wie profanen Fragen.

Anderseits sind beide von mir geprüfte Übersetzungen tatsächlich schädlicher für die Leserschaft, als das Original es sein könnte. In ihnen steckt nämlich eine  Verallgemeinerung des im Original enthaltenen Antijudaismus. Das heißt, ihre Autoren teilen nicht oder teilen nicht mehr den christlichen Antijudaismus, weil sie wohl die christliche Sprache nicht mehr teilen.

Da die Übersetzer jedoch Teil einer deutschen Kultur sind, geprägt von weitverbreiteten antisemitischen Termini als Folge der antisemitischen Ausbrüche in den 1870er und 1880ern, reproduzieren sie einfach die toxische(n) Sprache(n) ihrer Zeiten und Idiolekte, es sei denn, sie wären bereit ihre Wortwahl zu kommentieren.

Für Gisela Etzel gab es weder die Notwendigkeit noch die Gelegenheit dazu. In einer deutschen Gutenberg-Edition (Zugriff: 6. Januar 2023) bleibt sie ungenannt als Übersetzerin von Wilde-Gedichten, während dem Index gemäß “Portia” im Deutschen zutreffend nicht von Otto Hauser (1876-1944) stammt. (Online-Katalog der Deutschen Nationalbibliothek; Zugriff: 6. Januar 2023; das resultiert aus einer verwirrenden bibliographischen Anmerkung am Ende der jüngsten deutschen Ausgabe der Gedichte.)

Nach der Shoah geboren, fühle ich mich nicht frei, die Leserschaft zu bitten, selbst zu urteilen, wie es der Übersetzer des diesjährigen Kalenders tut. Wir sind uns einig, hier uneins zu sein. Auch denke ich, das Gleichgewicht von Konsens und Dissens müsse wieder hergestellt werden, nicht nur, aber besonders bei dem, was man die Mehrheit einer Gesellschaft nennt, dabei von einer Minderheit wie den Juden lernend (vgl. Konsens.Dissens). Zugleich wasche ich mich nicht rein, indem ich selbst die Verantwortung dafür übernehmen, die Sache nicht eher gesehen zu haben. Tatsächlich geht das nicht, denn ich mußte an das Problem erinnert werden, das ja auch Teil von The Merchant of Venice ist.

Kaum der Rede wert ist es, daß ich auch Wilde-Biographien eingesehen haben, vergeblich nach dem Terminus “anti-Semitism” in deren Indizes fahndend, während ich einige Hinweise auf Ellen Terry (1847-1928) fand, die Widmungsträgerin. Obwohl sie für Wildes Sozialleben bedeutend ist, wird sie nie als die Aktrice benannt, die in der damaligen Inszenierung die Portia verkörperte.

Bei der Lektüre eines “biographischen Lesebuch[es]”, so der Untertitel zu Queen Victoria, das zum 100. Todestag 2001 erschien, stieß ich zunächst, datiert in Balmoral, Schottland, auf den 31. Oktober 1878, auf eine Lesenotiz im Tagebuch, wo die Königin zu dem Roman Coningsby schreibt: “Seine Liebe zu den Juden und sein Glaube an sie sind überaus offensichtlich.” (S. 239) Wer nicht weiß, daß der von ihr nur “Lord Beaconsfield” genannte Premierminister mit bürgerlichem Namen Benjamin Disraeli hieß und jüdisch aufgewachsen war, ehe er konvertierte, kann den hier versteckten Antisemitismus einer kultivierten Monarchin nicht erkennen. Im Text gibt es dazu auch keinerlei Hinweis seitens der beiden Herausgeber. Einige Jahre später, als es Wildes Gedicht schon fast ein Jahrzehnt gibt, schreibt die Königin am 26. April 1889 in Sandringham zu einer Theateraufführung, bei der im “Ballsaal” beinahe “300 Personen” anwesend waren. Zunächst geht sie auf “ein Melodrama aus dem Französischen” ein, verfaßt von “Erckmann-Chatrian, ‘Le Juif Polonais’”. (Erckmann und Chatrian waren ein Autoren-Duo, nicht eine Person, wie im Text nahe gelegt, das über Jahrzehnte Romane und Erzählungen veröffentlichte, die später dramatisiert und wie in diesem Fall auch veropert wurden.)

Sodann tritt – Überraschung, Überraschung bei dem schon angeschlagenen jüdischen Thema! – der berühmte Schauspieler Irving als Shylock in der “Gerichtsszene aus ‘The Merchant of Venice’” auf die Bühne. Portia wird – Überraschung, Überraschung! – von “Miss Ellen Terry” verkörpert (S. 240; Zitate: S. 241) Einziger Kommentar der Königin dazu ist eine Bewertung: “sehr schön”. Welche Tendenz diese Inszenierung hatte, ist noch zu ergründen.

Nach wenigen Klicks im Internet ist jedoch herauszufinden, schon am Montag, 29. März 1880, im Lyceum Theatre, das Henry Irving betrieb, spielten beide in jenen Rollen. Wildes Gedicht nimmt also nicht nur Bezug auf die Widmungsträgerin Ellen Terry, sondern auch auf den Starakteur Henry Irving als Shylock. Diesen wiederum nennt Wilde im Essay The Soul of Man Under Socialism (1891) nur im allgemeinen Sinne als Stil und Geschmack des Publikums bildenden Künstlers, keineswegs jedoch im Zusammenhang mit einer bestimmten Rolle oder gar mit Blick auf seine Verkörperung des Shylock (S. 50f).

In den Complete Letters gibt es eine Fußnote mit dem Hinweis, die Inszenierung von The Merchant of Venice sei erfolgreich gelaufen, denn Wilde “war Gast des Banketts im Lyceum zur Feier der hundertsten Vorstellung am 14. Februar 1880” gewesen (S. 85). So wäre es generell von großem Nutzen, zur Inszenierung zu recherchieren: die Rollenverteilung, die Rezensionen usw., um den Kontext zu ermitteln, in dem Wilde das Sonett schrieb (ebd.).

Dazu schreibt Russell Jackson: “His [Irving’s] contemporaries often spoke of [his] acting in terms of the ‘realisation’ of a familiar image (in historical roles) or the creation of a vivid and original portrait, describing his demeanour, costume and make-up as though the result were a painting exhibited in an art gallery.” Also habe Irving, den Beschreibungen von Zeitgenossen zufolge, bei Shylock ein “lebhaftes und originelles Porträt realisiert”. Folglich seien “Verhalten, Kostümierung und Maske" Irvings derart gewesen, daß alles zusammen gewirkt habe wie ein “Gemälde für eine Galerie”.

Jackson fährt fort: “Thus, in The Merchant of Venice, the impact of his dignified, quasi-tragic Shylock was powerfully reinforced by the additional (and much-imitated) episode he added to the conclusion of Shakespeare’s Act II, Scene 6, when Shylock returned to his house to discover that Jessica had eloped. ” “Quasi-tragisch” sei die Wirkung von Shylock ohnehin gewesen, noch verstärkt durch die “zusätzliche (und vielfach imitierte Episode)”, in der Shylock nach Hause zurückkehrt, “um zu entdecken, daß Jessica durchgebrannt war”. Entscheidend sind hier zwei Dinge: zunächst fügt Irving als Regisseur dem Plot eine “Episode” hinzu, die Geschichte wird weiter erzählt. Sodann findet genau dieses Narrativ viele Nachahmer. Auf diese Weise prägt Irving Sehgewohnheiten beim Publikum sowie Inszenierungspraktiken im Theater.

Dabei ist, was Jackson danach schreibt, noch viel wichtiger für die fortwährende, unterschwellig eine Sicht auf Shylock prägende Sicht: Es ist notwendig, die lange Passage komplett zu zitieren und dann erst zu analysieren, um zu verstehen, wie verhängnisvoll sich diese Tradition ausgewirkt hat.

“The scene was a fully set stage, with a canal, spanned by a narrow bridge, upstage, and Shylock’s house on the quayside closest to the footlights.

Lorenzo arrived with a crowd of masqueraders in his (practicable) gondola, and he and his bride-to-be left the stage in a flurry of movement, music and colour. The act drop fell quickly and rose again immediately to reveal the empty street and canalside ‘with no light but the pale moon, and all sounds of life at a great distance’. Shylock entered wearily over the bridge and was about to enter the house as the drop fell again (Hughes 1978: 232). Even more memorable (as befitted his final scene) was Irving’s exit at the end of the trial scene. It combined elements of ‘stage-management’ as it was then understood – skilful timing and the deployment of the crowd of ‘supers’ – with the effect of the individual performance.

The quiet shrug, the glance of ineffable, unfathomable contempt at the exultant booby, Gratiano [. ..] the expression of defeat in every limb and feature, the deep, gasping sigh, as he passes slowly out, and the crowd rush from the Court to hoot and howl at him outside, make up an effect which must be seen to be comprehended. (Sprague 1953: 116)

As a director, Irving knew how to shape the audience’s perception of the character by well-orchestrated emotional effects at strategic points in the flow of the play.”

Die anzustrebende maximale Wirkung wird visuell erreicht, indem der größtmögliche Gegensatz zwischen dem erfolgreichen Brautwerber Lorenzo und dem niedergeschlagenen Brautvater wider Willen durch zwei direkt aufeinander folgende, kaum noch deutlicher anders ausfallende Bühnenbilder geschaffen wird: Volle Bühne mit “Bewegung, Musik, Farbe” samt glücklichem Brautpaar, im nächsten Moment, nach dem Vorhang, “leere Straße und leeres Kanalufer, ‘kein Licht, nur der blasse Mond, und alle Geräusche vom Leben in weiter Ferne’” samt todunglücklichem, allein gelassenen Vater. Shylock ist “müde” und sogleich verschwunden, weil der Vorhang fällt.

Dazu kommt schon vorher die Niederlage, wie er sie nach dem Verlassen der Gerichts verbal und durch den Druck der Masse zu spüren bekommt. Was hier als Zitat eines anderen Werkes ausgewiesen ist, zeigt ohne nur eine Andeutung davon, was wirklich geschieht, wie auf der Bühne am Beispiel Shylocks ein antisemitischer “Vorfall”, heute nicht nur in Deutschland eine Straftat, ausagiert wird. Zumindest diese Szene wird auch im Ballsaal des königlichen Palasts von Sandringham gespielt worden sein – als Abschluß der hiermit als “set-piece”, mithin Gruppenbild mit Jude, der gemütigt wird, sicher nicht nur zu diesem Anlaß und an diesem Ort allein gespielten Gerichtsszene des Problemstücks, das bei Jackson zu den Komödien zählt. Der letzte Satz zu Irving als Regisseur, “der wußte, wie er die Wahrnehmung des Charakters der Figur [Shylock] zu formen hatte, indem er an strategischen Punkten im Spielfluß wohlorchestrierte emotionale Effekte schuf”, zeigt einmal mehr, wie der Wissenschaftler mit wohlklingenden Worten haarscharf an der Erkenntnis vorbei schreibt, daß hier eine knallharte Manipulation des Publikums im Sinne einer Bestätigung ohnehin vorhandener antisemitischer Grundtendenzen vorgenommen wurde.

Da The Merchant of Venice nach heutigem Forschungskonsens ein Problemstück, und zwar über christliche Gnade ist, was auch Portia in ihrer Rede in Akt Vier zum Thema macht, stellt es zu der Zeit nur eine konventionelle Lesart dar, wenn Wilde von Shylock “that accurséd Jew” schrieb, der nicht Gottes Gnade erführe, es sei denn, er konvertiere.

Übrigens spielte Wilde, wie es sonst auch seine Art war, in seinem Essay The Soul of Man Under Socialism (1891) in einem rein ökonomischen klingenden Kontext nur auf das Stück an:

“Ein äußerst wohlhabender Kaufmann ist womöglich und oft tatsächlich in jedem Moment seines Lebens unkontrollierbaren Dingen ausgesetzt. Bläst der Wind eine zehntel Stärke mehr oder ein klein wenig stärker, oder schlägt das Wetter plötzlich um, oder geschieht etwas Belangloses, kann sein Schiff kentern, können seine Spekulationen scheitern, und er ist ein armer Mensch, bar jeder sozialen Position” (S. 25)

Die beschriebene Situation kommt einer Zusammenfassung von Antonios Falls ohne die auf Moral, Religion und Antisemitismus weisenden Implikationen des Stückes sehr nahe. All diese Punkte hätten sich für Wilde, falls genannt, als viel schwieriger erwiesen als einerseits der Halbsatz in dem Gedicht “Portia” oder anderseits die antisemitischen Stereotypen im Roman The Picture of Dorian Gray, dessen Buchausgabe bald nach der Zeitschriften-Edition des Essays erschien.

Interessanterweise vermerkte ein deutscher Gelehrter kürzlich, Horst Meller folgend, wer Shylock in der Gerichtsszene als “thou damned, inexecrable dog” (IV.1.128) anrede, mithin die von Wilde später gebrauchte Sprache vorwegnehmend, sei genau die Figur mit einem sprechenden Namen: “Gratiano – gratia, grace, mercy” (Szczekalla, Shakespeare als skeptischer Europäer, 2021, S. 78).

Anders als Wilde und seine Übersetzer indes redete Gratiano direkt mit Shylock, nicht nur über ihn. Daher mag sein Angriff gewaltsamer sein, weil er persönlich ist. Einerseits. Anderseits ist er weniger toxisch, auch wenn für einen gläubigen Juden Hunde “unrein” sind und als solche nicht gezeichnet oder gemalt werden sollten (mündlich mitgeteilt von Georg Murra-Regner). In einem Bühnenstück indes wird jeder den Angreifer ausmachen können.

Anders gewendet, sorgt, wer jemanden abstrakt als Juden angreift, direkt oder sogar im Internet, das heißt meist anonym auf seiten des Aggressors, für die Verfestigung der toxischen Wirkung dieser Sprache im Denken der Menschen.

Als Konsequenz gebe ich beide Lesarten zu Protokoll – die vom Übersetzer gewählte – wie diejenige, die Wildes Worte getreu wiedergibt, eingerahmt durch diesen Kommentar, um sie in den Köpfen der Leser gegenwärtig zu halten. Dieses Verfahren ist aus dem einfachen Grund nötig, daß Übersetzer oft hinter ihren Autoren verschwinden oder, noch öfter, vergessen oder wenigsten vernachlässigt werden. So neigt auch ihre Sprache dazu, anonymisiert zu werden – sie geht in den allgemeinen Diskurs ein, jedem zur freier Verfügung: um gebraucht oder mißbraucht zu werden.

Nach der Publikation meines Erstlings im Jahr 1993, der dem Studium von “James Joyce’s Own Image” am Beispiel von Termini wie “image, imagination, imagine” galt, ging mir nie aus dem Kopf, daß es nicht nur in literarischen Werken nützlich ist, im Blick zu behalten, wer was wie und in welchem Kontext sagt. Tatsächlich hilft es, die Methode auch auf nicht-fiktionale und mündliche Diskurse  anzuwenden und so, falls möglich, die Quellen toxischer Sprache in der Rede jedweder Person aufzudecken.

Persönlich würde ich auch nach all diesem Hin und her unter Nutzung diverser Nachschlagewerke und anderer Quellen “accurséd” wortwörtlich als “verflucht” übersetzen, das als bei weitem einziger deutsche Terminus die christliche Tendenz konnotiert, die hinter Wildes Wortwahl liegt.

Mir war nicht mehr bewußt, daß ich das Gedicht für den Kalender von 2015 übersetzt hatte. So überraschte es mich etwas zu lesen, daß ich genau das vor Jahren getan hatte:

Portia

I marvel not Bassanio was so bold

To peril all he had upon the lead,

Or that proud Aragon bent low his head,

Or that Morocco’s fiery heart grew cold:

For in that gorgeous dress of beaten gold

Which is more golden than the golden sun,

No woman Veronesé looked upon

Was half so fair as Thou whom I behold.

Yet fairer when with wisdom as your shield

The sober-suited lawyer’s gown you donned

And would not let the laws of Venice yield

Antonio’s heart to that accursèd Jew –

O Portia! take my heart: it is thy due:

I think I will not quarrel with the Bond.

(1880)

 

Portia

Ich staune nicht, daß Bassanio so kühn war

All sein Hab und Gut auf Blei zu setzen

Oder ob des stolzen Aragons Furcht und Entsetzen

Oder daß Marokkos Feuerherz erkaltet war:

Denn in jenem fabulösen Blattgoldkleid

Mehr gülden denn die güldene Sonne

Hatte keine die Veronese je erblickt voll Wonne

Die Hälfte deiner mir sichtbaren Schönheit.

Doch schöner wenn hinter der Weisheit Schild als Kragen

Die nüchterne Anwaltsrobe du anlegtest

Und die Gesetze Venedigs so auslegtest

Daß sie Antonios Herz dem verfluchten Juden versagen –

Oh Portia! nimm mein Herz: es sei dein Lohn:

Wohl werde ich tragen der Bürgschaft Fron.

(1880; Übersetzung JWR, 2014, revised 2023)

 

Als Ergebnis ist es wichtig zu vermerken, es gibt unbestreitbar antisemitische Stereotypen in Wildes Werken, ob in Vers oder in Prosa. Auch müssen wir sie übersetzen, wollen wir die Werke als solche achten. Jedoch sollten wir versuchen, wie sonst immer, das passende Wort und Register zu finden, um solche Stereotypen wiederzugeben, bevor sie in eine andere Sprache und Kultur eintreten.

Erstens sollte das jede gelehrte Person tun.

Zweitens erhält Gelehrsamkeit hier politische Bedeutung.

Drittens ist die Politik der Übersetzung bei einem literarischen Werk so essentiell wie die korrekte Übersetzung der von Politikern gebrauchten Worte.

Gewiß fällt es leichter, auf einer Webseite oder in einem als Werk im Werden begriffenen Buch schwierige Übersetzungsprobleme zu erklären, weil dort dafür Raum ist, als in einem gebundenen, gedruckten Kalender, der per definitionem ein ästhetisches Produkt ist, wo Platz rar ist. Doch es muß getan werden, da Antisemitismus kein vergangener, sondern ein gegenwärtiger Virus ist, der heute viele Gesellschaften, Kulturen und Sprachen infiziert.

Und ich werde, wie zu Beginn angekündigt, diese Frage 2023 weiter verfolgen, sowohl in einem aktuelleren und deutschen Zusammenhang als auch mit Bezug auf Oscar Wilde.

Diese Ankündigung ist, wie eingangs erläutert, ganz anders erfüllt worden, nämlich dadurch, daß das Thema des Antisemitismus aus der versteckten Nische der “Warner” ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt ist. Diejenigen, die als “Rufer in der Wüste” schon seit biblischen Zeiten verunglimpft worden sind, schätzen sich ihrerseits keineswegs glücklich, wenn ihre Warnungen sich erfüllen. Es wäre schön gewesen, hier nicht recht behalten zu haben.

Seien Sie mutig, stehen Sie dazu, die Welt in ihrer Komplexität zu begreifen, auch wenn das immer und gerade jetzt schwer fällt,

Beste Grüße, Jörg W. Rademacher

 

Quellen:

Ginzburg, Carlo and Davin, Anna: “Morelli, Freud and Sherlock Holmes: Clues and Scientific Method”. History Workshop No. 9 (Spring, 1980), S. 5-36 (32 Seiten). Publiziert von: Oxford University Press. (Zwar las ich die deutsche Übersetzung dieses zunächst italienisch geschriebenen Artikels für meine eigene Forschung im Jahr 1990 [siehe unten], aber bis vor kurzer Zeit war ich außerstande, seine These über die Spurensuche in der Medizin, Kunstgeschichte, Psyche und bei Verbrechen auf musikalische oder literarische Werke oder gar auf schauspielerische Darstellungen anzuwenden. Ich danke einem sehr begabten Schüler dafür, meine Aufmerksamkeit erneut auf Ginzburgs genialen Artikel gelenkt zu haben.)

Konsens. Dissens. Jüdischer Almanach der Leo Baeck Institute. Herausgegeben von Gisela Dachs für die Leo Baeck Institute Jerusalem. Berlin: Jüdischer Verlag, 2022.

Rademacher, Jörg W.: James Joyces Own Image. Über die allmähliche Verfertigung der Begriffe image und imagination beim Schreiben in A Portrait und Ulysses. Münster: Waxmann, 1993.

Schwarz-Friesel,  Monika: Toxische Sprache und geistige Gewalt. Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen. Tübingen: Narr Francke Attempto, 2022.

Shakespeare, William: The Merchant of Venice. Edited by M. M. Mahood. Cambridge: Cambridge University Press, 1993 (1987).

Sturgis, Matthew: Oscar. A Life. London: Apollo 2019 (2018).

Szczekalla, Michael: Shakespeare als skeptischer Europäer. Darmstadt: WBG academic, 2021. (Also available as an openaccess edition online)

Wilde, Oscar: Complete Letters. Edited by Merlin Holland and Rupert Hart-Davis. London: Fourth Estate, 2000.

Wilde, Oscar: Die Sphinx. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. New translation by Otto Höschle. Basel: IL-Verlag, 2015.

Wilde, Oscar: Gedichte. Edited by Norbert Kohl. Frankfurt am Main: Insel 1992 (1982).

Wilde, Oscar: Mein Leben ist ein Palimpsest. Gedichte. Ausgewählt, übersetzt & zweisprachig herausgegeben von Günter Plessow und Jörg W. Rademacher. Dozwil: Edition Signathur 2023.

Wilde, Oscar: Œuvres. Edited by Jean Gattégno. Paris: Gallimard 2001 (1996).

Wilde, Oscar: Poems and Poems in Prose. Edited by Bobby Fong and Karl Beckson. Oxford: Oxford University Press, 2000.

Wilde, Oscar: The Soul of Man Under Socialism. Edited by Jörg W. Rademacher with a postface by Michael Szczekalla. Coesfeld: Elsinor, 2021. (Editorial matter based on the German edition, first published in 2019, second revised edition in 2021.) Des Menschen Seele im Sozialismus, herausgegeben und übersetzt von Jörg W. Rademacher mit einem Nachwort von Michael Szczekalla, Coesfeld: Elsinor, 2. revidierte und ergänzte Auflage 2021 (2019).

 

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