Literarischer Blog - Literary Blog Graham Swift (3)

Preface:

Dear readers of my blog,

this third blog on Graham Swift is the last for some time. I need to re-read the other two novels in my possession or watch one or the other film to add more to my tally. Apart from this teaser, the entries are only roughly alike. I do apologize for this but since I like writing in English as much as I like to put things into words in German but for different reasons I refuse always to try to eliminate through translation processes what can only best be said in either one or the other language. So, if you want to have the best of both worlds, do as I do, try to read both German and English.

Vorwort:

Liebe Leser meines Blogs,

dieser dritte Blog zu Graham Swift ist der vorerst letzte. Ich muß nämlich die beiden anderen Romane in meinem Besitz wieder lesen oder die ein oder andere Verfilmung schauen, um noch weitere schreiben zu können. Von diesem Appetithappen abgesehen, sind die Blogeinträge nur im Großen Ganzen einander ähnlich. Dafür bitte ich um Verzeihung, doch da ich so gern auf Englisch schreibe, wie ich auf Deutsch formuliere – aus jeweils unterschiedlichen Gründen –, lehne ich es ab, stets durch Übersetzungsvorgänge auszuschalten, was nur in entweder in der einen oder der anderen Sprache am besten zu sagen wäre. Wer also die beste beider Welten wünscht, möge bitte auf deutsch und englisch lesen.



Liebe Leser des literarischen Blogs,

auf Englisch schrieb ich vor kurzem, ich läse bald einen weiteren Kurzroman von Graham Swift. Da hatte ich sein jüngsten Werk, das auf Deutsch sogar schon vor dem englischen Original erschien, bereits einige Wochen im Regal stehen. Passenderweise war der Erstverkaufstag der 13. März, zugleich das Datum, da der zunächst auf Schulen und Kitas bezogene bundesweite Lockdown verkündet wurde. Damals hatte ich angenommen, recht bald zur Lektüre zu kommen, doch es schoben sich immer wieder andere Bücher und Aufgaben dazwischen, von der immer noch anhaltenden auto- und fremd-didaktischen Beschäftigung mit digitalen Medien und Formaten ganz zu schweigen.

Nun war es endlich so weit. Für die Zugfahrt am frühen Morgen standen keine Korrekturen oder komplizierte Rechenaufgaben zu Jahresendnoten mehr auf dem Programm. Hinter der „Mund-Nase-Bedeckung“, am Tisch des Kinderabteils, nur mit einem kleinen Bleistift versehen, konnte ich mich in die Prosa von „Da sind wir“, Originaltitel: „Here We Are“, vertiefen. Durch das Lesebändchen des schmuck ausgestatteten Bandes wußte ich, wo ich einmal aufgehört hatte, noch im ersten Teil, der aus Sicht von Jack erzählt, dem Conférencier im Varieté auf dem Pier von Brighton. Doch warum auch immer, ich mochte mich nicht einlassen auf das durchgehende „Als ob“, das gleich auf der ersten Seite beginnt – ein Echo gleichsam auf das Motto, das englisch bleibt und „It's life's illusions I recall“ lautet, dem Song „Both Sides Now“ der kanadischen Sängerin Joni Mitchell entstammt und vielfach, aber auch von ihr gleich mehrfach aufgenommen wurde (Both Sides Now | Song | wer-singt.de https://www.wer-singt.de/song_Both+Sides+Now.htm; Zugriff: 2. Juli 2020)

Da ich bei „Festtag“, dem vorherigen Roman, schon angemerkt hatte, der sehr schwungvoll übersetzte Text hätte noch ein paar mehr starke Konjunktivformen vertragen können, was mir die Zeitungsredaktion dann strich, habe ich dieses Mal nicht nur das „Als ob“ jeweils markiert und mitgezählt. Insgesamt kommt die Wendung „so … als“ oder „so als ...“, jeweils verbunden mit dem Konjunktiv 66 Mal im Text vor. Vielmehr habe ich neben dieser buchhalterischen Tätigkeit auch genau registriert, was Swift und mit ihm im Deutschen Susanne Höbel aus der Idee machen, die sich über den Begriff „Illusion“ im Text verwurzelt hat. Das liegt nicht nur daran, daß Ronnie ein Zauberer ist, der diese Kunst von seinem Ziehvater Eric Lawrence im II. Weltkrieg in dessen Haus Evergrene bei Oxford erlernt hat. Es liegt auch an der allgemeinen Haltung, ausgedrückt im Motto, daß Illusionen jeglicher Art sich dem Gedächtnis so einprägen, daß sie wieder aufrufbar sind: anders als viele andere Momente auch des täglichen Lebens sind Illusionen eben nicht „beyond recall“. Offenbar, und deshalb hat Swift dieses Motto wohl auch gewählt, sind sie nicht wie andere Erinnerungen an Assoziationen wie den Geschmack von Lindenblütentee verbunden mit dem Madeleine-Gebäck im Sinne von Marcel Proust verbunden.

Der sehr spannend zu lesende Roman enthüllt am Ende aus Sicht der einzig überlebenden Hauptfigur Evie White längst nicht alles, aber doch vieles, was im Laufe von über 50 Jahren von den anderen und ihr selbst verschwiegen worden war. Erst der Jahrestag des Todes ihres Mannes Jack Robbins bringt für sie selbst so manches ans Tageslicht, was sie dank einer großen Schauspielanstrengung vor dem Manager ihres Mannes George im Restaurant allerdings zu verbergen vermag. Es ist Swifts Kunstfertigkeit zu verdanken, daß in Romanform die Geheimnisse seiner Gestalten wenigstens zum Teil in Worte gefaßt werden, was das Werk als Beitrag zur Verarbeitung der auf vielen Lebenslügen beruhenden gesamtgesellschaftlichen Entwicklung in England zwischen den Premierministern Harold MacMillan, der mit dem Wahlspruch „Ihr hattet es noch so nie so gut“ wiedergewählt wurde, in den 1950ern, und den Behauptungen des heutigen Amtsinhabers dient, der ohne rot zu werden, feststellt, die britische Regierung habe am besten von allen in der Welt auf die aktuelle Gesundheitskrise reagiert. Wer Romane wie die Graham Swifts genau liest, wird überdies feststellen, daß die postulierte Einheit des Vereinigten Königreiches so wenig den Tatsachen entspricht, wie dies schon vor 125 Jahren der Fall war.

Natürlich komme ich zum Schluß des Blogs auch auf die Bezüge zwischen Swift und Wilde zu sprechen, denn die gleiche Gesellschaft, in der laut Jack Robbins in einem Interview der zurückfragte ob er Schauspielerei betreibe, das täten doch alle, oder? Jederzeit (S. 123), fand nichts an Wildes Posen, solange sie in ihrer Doppeldeutigkeit nicht ausgesprochen wurden, weil sie von vielen geteilt wurden. In dem Moment aber, da öffentlich Farbe bekannt werden sollte, war es vorbei, denn dann wollte jeder moralisch „sauber“, und es dauerte bei vielen von Wildes Briefpartnern hundert Jahre und mehr, bis ihre Nachkommen sich zu ihrem Verbindung zu diesem Mann öffentlich zu bekennen wagten. Und diese Leute waren samt und sonders gebildet, verfügten über eine auch schriftlich lang zurückliegende Familiengeschichte, ähnlich der in „Das Bildnis des Dorian Gray“ geschilderten Familiengalerie mit Ahnenporträts der Vorfahren des Protagonisten. Aber sobald jemand, der wie Wilde einmal „fragwürdig“ geworden war, mit dem so „makellosen“ Ansehen der Familie in Berührung gekommen war, durfte niemand davon wissen. Dies allen anderen, die gar keine Ahnengalerie vorzuweisen vorgelebt zu haben und deshalb auch nicht wissen, wie mit Geheimnissen jeglicher Art umzugehen ist – wie sich in „Da sind wir“ zeigt, ist vielleicht die größte Fehlleistung der führenden Schichten der englischen Gesellschaft, und an Oscar Wilde wurde ein Exempel statuiert, das zu vermeiden noch heute jegliche öffentliche Person in England bemüht ist.

Wer immer noch nicht interessiert ist, diesen Roman zu lesen, dem kann ich nicht weiterhelfen. Wer jedoch lesen will, dem biete ich hier die Daten:

Graham Swift, Da sind wir, aus dem Englischen von Susanne Höbel, München: DTV, 2020, 160 S., 20,00 € (A, 20,50 €)

Mit den besten Wünschen,

Jörg W. Rademacher



Dear readers of the literary blog,

as I said some days ago I was sure then I would read another short novel by Graham Swift soon. It only took the deadline for entering the final marks of all my students for the current school year to liberate me from onerous calculations or tiresome corrections of papers during my train journey every morning. So yesterday I was glad to take out and read the German edition of Swift's novel “Here We Are”, which is a reference to the magician Pablo and his assistant Eve who performed on Brighton pier in the 1959 summer season.

First, of course, I was struck by the English epitaph, a quote from the song “Both Sides Now” by the Canadian singer Joni Mitchell who I had never heard about before: “It's life's illusions I recall”.

Since this was not my first start to try and read this novel, I recalled that it was about a magician, so I easily linked the “as if” constructions, two of which appear on the very first page, and there are, all in all, 66 of them, scattered throughout the novel, with the topic triggered by the epitaph.

So, in a very subtle sense, the translation of “Mothering Sunday” in which the only thing I thought needed improvement was the use of strong German subjunctive forms instead of periphrases with “would” had prepared me for a very close look from the start at the use of language in “Here We Are”. It seems – and note I am in for an imitation of the author I like to read! – as if Swift had integrated the basic assumption about magic and wizardry, the “as if” which makes the audience believe what it sees, while something else happens altogether, into the very foundations of his syntax.

And, having read the novel at more or less one sitting until late last evening, I can say if this was Swift's intention his translator of many years and books Susanne Höbel has brilliantly turned the English “as if” into a German “Als ob”, combined this time with mostly strong German subjunctive forms.

You may object why does he bother about such minutiae in a novel? I do bother very much even today since from early on in my literary work was I concerned with “serious scholarship”, and whenever there has been a problem in either my literary work as a translator, editor and biographer or in my several teaching jobs, it has always been extremely helpful to do some serious research into the matter at hand, whether it was analyzing students' mistakes and strengths in writing, or whether it was the analysis of texts in terms of their semantic and syntactic structures before translating them or when working on them in proof stage. In fact, even when a loose use of words had made me lose a teaching job at the university and I did not want my employers to be looking in vain for someone else at short notice and so had to go on teaching to the end of the academic year did a certain seriousness in treating the students of law differently, making them discuss their different translation among themselves, that is, help me to overcome not only the frustration of having to leave the alma mater after fifteen year, the serious approach was a means, too, of discovering for myself a new way of leading discussions by adults keen to prove themselves. Finally, leading two classes of translation in my last semester also allowed me progress in the art of translating.

While digressing in a personal vein to show that a serious approach to literature may go quite a long way, I may have progressed in the discussion of Swift's most recent novel in that sense that if you look closely enough, it is, like “Mothering Sunday”, a book set on a single day. Here, it is the anniversary of the death of Jack Robbins, the male character with whose appearance the book opens and upon whose initiative all the action between 1958 and 2009 appeared to be based. In fact, as in “Mothering Sunday”, it is the surviving woman, for 49 years his wife, as much beloved as loving spouse for him, who has the last word. Evie White is the character who can reveal the readers if not all about her former lover and fiancé Robbie Deane but all that she knows and never durst tell anybody – neither Jack in his lifetime nor to his agent George who invites her to lunch on the anniversary of Jack's death.

She is the only one who would always say the can neither sing nor act but, in fact, she does so in the only scene which is not recalled in the novel – her lunch with George. So, in a subtle way, what Jack had said in an interview – which Evie recalls – that acting is what everyone does, don't they? All the time, is also what determines most of life offstage, for she only ever entered it for that one summer season on Brighton pier. In this sense, the novel as a means of recalling a bright actor's career in the light of what had happened suddenly late that summer, the disappearance of Robbie Deane, the “Great Pablo”, both from the stage and from life altogether, can be seen as a metaphor on a more personalized level for what has happened in England in the more than half a century between the Harold MacMillan slogan of “You never had it so good” and the current inhabitant of Downing Street No. 10's insisting on the “best Government in the world's aids to tide the country over the current crisis”. In fact, it needs novels such as “Here We Are” to see what has been overlooked and not talked about both in families and by society at large to understand what is erupting at the moment. And, once again, it is the treatment of Oscar Wilde by that self-same society both in life and posthumously that can be read as a metaphor for the incredible hypocrisy ruling this class-ridden country which did not allow descendants of his correspondents to reveal they had received a letter from him until the centenary of his death twenty years ago. And these were all literate people, cultivated men and women who did not need a writer to note their feelings, while Graham Swift has once again taken up the pen to show us those who have always lacked personal archives to account for their family history.

Do not hesitate to buy and read this book. It is going to open your eyes.

Here are the bibliographical details.

Graham Swift, Here We Are, London: Scribner's, £ 15.00.

All best wishes,

Jörg W. Rademacher

 

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