Literarische Notizen II. Französische Verse und deutsche Prosa im Kontext irischer Literatur gelesen

Liebe Leserschaft meines Blogs,

der Kalender für 2023 hat mich zuletzt zwei Wochen in Atem gehalten. Sie fragen warum. Die Antwort fällt leicht: Günter Plesso hat in den letzten neun Monaten so viel von Wildes Versen ins Deutsche übersetzt, daß ich regelmäßig als Erstleser und Herausgeber des einen oder anderen Poems gefragt bin, das nun für die Verwendung im fortlaufenden Kalenderprojekt zur Verfügung steht wie für eine ebenfalls in Vorbereitung befindliche zweisprachige Anthologie von Wildes Poesie.

Keine Frage, Wildes Verse sind fordernd, nicht zuletzt wenn es darum geht, sie mit erklärenden Anmerkungen zu versehen. Kaum hatte ich das Vorwort für den kommenden Kalender zusammengestellt und übersetzt, erreichte mich ein Paket vom Vertrieb meines Verlages, das die letzten Exemplaren der Erstauflage der kritischen Edition meiner Übersetzung von The Picture of Dorian Gray (1890) enthielt, die im Frühjahr mit verändertem Cover und Collagen von Ulrich Hoepfner neu erscheinen soll.

Ebenfalls enthalten in dem Paket war ein Rezensionsexemplar einer zweisprachigen Lyriksammlung des französischen Autors Jean-Louis Giovannoni mit dem Titel Garder le Mort – Den Toten Bewachen mit einem Nachwort des auch in Deutschland bekannten Schriftstellers Éric Vuillard. Ich hatte das Buch bestellt, nachdem ich es als einen der Bestseller des Verlages im Jahr 2021 beworben sah. Bislang hatte Elsinor Lyriksammlungen eher nicht publiziert, so daß mich allein diese Ausnahme von der Regel interessierte.

[…]

Das Cover ist so nüchtern wie die Sprache, die Giovannoni nutzt, um sich ganz sachlich die physische Präsenz des Todes vorzustellen – so wie sie von denen beobachtet wird, die an einer Totenwache teilnehmen oder von denen, die den körperlichen Verfall ihrer geliebten Nächsten aus der Nähe bezeugen. Noch ein junger Mann, als diesen seit Langem als Geheimfavoriten von Gedichtzyklen auf Französisch im Jahr 1976 publizierte, widmet Giovannoni seine Sammlung dem Gedenken zweier Frauen, deren eine seine Mutter war.

Interessanterweise las ich das erste Mal über eine Totenwache als 17-jähriger in Albert Camus’ berühmten Roman Der Fremde (1942), den er auch als recht junger Mann schrieb, der jedoch trotz der Deutlichkeit der Details nicht durch den Verlust der Mutter ausgelöst worden war. Später noch erfuhr ich von irischen Totenwachen, denkwürdig war ein Moment in der James Joyce Stiftung Zürich während Sommeratelier mit dem Titel «Documentary Insights», als der Direktor Fritz Senn einen irischen braunen Toten-Habit anzog, um die Gewandung der Toten in Irland in Joyces Tagen zu zeigen. Während dieses Bild mir fest vor dem inneren Auge steht, belegt es zugleich den Unterschied zwischen einer Darstellung des Todes in Prosa – wie sie Joyce viele Male in seinen größeren Geschichten und Romanen unternommen hat – und einer Darstellung in einer Sprache wie Französisch, dem es an Wörtervielfalt fehlt, für die das Englisch so berühmt ist und die es für sprachgewandte Autoren wie Wilde zu schwierig macht, zu der rechten Einfachheit bei den wirklich wichtigen Fragen zu finden, solange er nicht selbst in Haft gewesen war.

Als Zeuge des Vorganges, wie ein Mensch zu einer Leiche wird, hätte jeder Autor Not, die rechten Worte zu finden ‒ «le mot juste», wie Gustave Flaubert es ausdrückt ‒, und das trifft auch auf Giovannoni zu, der in der jüngsten französischen Ausgabe eine «version préparatoire» publizierte, die in der zur Diskussion stehenden zweisprachigen Ausgabe fehlt. Wie Wilde und Joyce arbeitete Giovannoni offenbar sehr sorgsam, wählte etwa einen Großbuchstaben für jeden einzelnen syntaktischen Zusammenhang. Das hätte im Deutschen umgesetzt werden müssen, denn die Leserschaft hätte den Grund gewiß verstanden.

Gut eingerahmt von einem Vorwort der Übersetzer und dem Nachwort von Éric Vuillard, kann der Band in einem Zug gelesen, wenn auch nicht genauso intensiv reflektiert werden. Moderne französische Lyrik bedarf in Deutschland der Einführung, und wer das Nachwort zuerst liest, erhält dergleichen, wie einen Hinweis auf die Verbindung zwischen Giovannoni und Oscar Wilde – wenn auch nicht auf den ersten Blick. Es ist nötig, Wildes Poesie im Hinblick darauf zu studieren, wie er stets danach strebte, Prosa zu schaffen, um mit der Wirklichkeit klar zu kommen und wie er in Der Ballade vom Zuchthaus Reading ein klassisches Genre in die Erzählung eines Mannes beim Sterben verwandelt – aus Sicht der Mithäftlinge –, denn hier ist nichts imaginiert, und wie Wildes Landsmann Samuel Beckett, der nach dem Zweiten Weltkrieg nur auf Französisch schrieb, schreibt Giovannoni Gedichte ganz ohne «Restposten der Religion, der Gnade, de[s] Rausch[es], de[s] Feuer[s]» (S. 149). Das ist vielleicht auch der Grund, aus dem Giovannoni, von Beruf Sozialarbeiter, 2020 durch eine Sonderausgabe der Zeitschrift La Revue des Sciences Humaines geehrt wurde mit dem Untertitel «Le geste des mots», der Gestik der Worte also, die den physischen wie nicht-spirituellen sowie sozialen Einfluß seines Schreibens spiegelt. Denn er schreibt nicht aus dem Elfenbeinturm heraus noch für die literarische Elite, statt dessen steht Giovannoni im Zentrum von des Menschen Unverstand: «On mourra  / sans rien comprendre – wir werden sterben / ohne das geringste zu verstehen.» (S. 138/139)

Genau das empfand ich auch im Dezember 2018, als ein literarischer Freund, dessen Poesie ich 22 Jahre aus dem Französischen übersetzt hatte, Yves Broussard (1937-2018), verstorben war und ich erfuhr, er habe seinen Körper der Wissenschaft überlassen, wollte weder Begräbnis noch Gedenkzeremonie, um so im physischen Sinne vollständig von unserer Welt zu verschwinden. Mit seinem Ableben verstand ich zu guter Letzt die Bedeutung des französischen Verbs «disparaître», wenn es dazu verwandt wird, den Tod eines Menschen zu bezeichnen.

Viele der Poeme Broussards, die ich in einem arbeitsreichen und zeitraubenden Prozeß während 17 Jahren übersetzte, ehe der Band Maße des Lebens als zweisprachiges Buch 2013 erschien, weisen noch immer auf manche solche «Restposten der Religion, der Gnade, de[s] Rausch[es], de[s] Feuer[s]» (Vuillard), während er auch die Sprache der Welt in seine Poesie einführt, sich lange Zeit vor seinem Tod deutlich äußernd in einem mit «Marseille» betitelten Poem, als er sich von einem «dummen Sturz» erholte und nicht umhin kam, an den Bruderpoeten Joë Bousquet zu denken, der Jahre in seinem «Schlafzimmer in Carcassonne» zubrachte, etwas, das Broussard in gleicher Weise erfahren würde, doch schließlich, wenn ich ihn jedes Mal bei meinen Marseille-Aufenthalten zwischen 2013 und 2018 aufsuchte, war der dem Zustand «qualvoller Unbeweglichkeit», den das Poem vom April 2000 nahelegt, näher gekommen, ehe ein weiterer «Sturz», kurz nach dem letzten Umzug in das Alpendorf, wo er stets die Sommer verbracht hatte, die Fortsetzung des «Lebenswerks» unmöglich machte. (Yves Broussard, «Marseille», in: La nuit tremblée, Châtelineau: Le Taillis Pré, 2002, S. 44/45.)

Eine literarische Gedenkzeremonie gab es indessen doch im Dezember 2018. Das widerfuhr Wilde mitnichten, obschon sowohl sein sozialer als auch sein literarischer Tod eintraten, ehe er am 30. November 1900 verstarb, also könnte es doch hilfreich sein, über ihn in dem Ton zu schreiben, den uns Giovannoni nahelegt.

Im Gegensatz zu den Versen, die in einer anderen Sprache so schwer zu finden sind, was mich zögern läßt, die Poesie-Übersetzungen anderer öffentlich zu kritisieren, ist es in der eigenen Sprache oftmals genauso schwierig, den richten Ton in Prosa zu treffen, was Wilde bewußt war, als seine Laufbahn 1895 endete und nur noch Briefe schreiben konnte und im Jahr 1897 das einzigartige Poem «The Ballad of Reading Gaol». Daher schlug ich mit großer Freude den kurzen Roman Nordstadt von Annika Büsing auf. Das hängt mit einer gleich anfangs geäußerten Idee der Icherzählerin zusammen (S. 6) über den Norden als sozialen Brennpunkte vieler Städte – was ich mit Blick auf die Stadt, in der ich aufwuchs, bestätigen kann – Unna in Westfalen – wie auch mit Blick auf die Nordseite des Flusses Liffey in Dublin und mit Blick auf Marseille, wo alle sozialen Brennpunkte in der Cités im Norden liegen. Natürlich, da die Autorin im Ruhrgebiet aufwuchs, wo ich zufällig auch aufgewachsen bin, ist mir die verwendete Sprache vertraut, und es ist eine Prosa, die ich selbst hätte gern schreiben wollen, ohne sie bislang für mich gefunden zu haben. Also koste und schmecke ich mit großem Vergnügen all die Wörter und Sätze, die ich als Aufwachsender in Unna, Westfalen, so oft gehört und genutzt hatte.

Das Bild auf dem Cover zeigt eine Schwimmerin in Rückenlage. Da ich Schwimmen in einem Freibad in Kamen, Westfalen, gelernt hatte, ehe ich dann viele Jahre im Hallenbad Unna Schwimmen ging, was für mich nicht immer so erbauend war wie für Nene, die Icherzählerin dieses Romans, kann ich gleichwohl mit ihr empfinden, wenn sie das Schwimmbecken als den Ort sieht, wo sie ihrer Familie und besonders ihrem Vater entkommen konnte. Dort findet sie auch sowohl eine Heimat als auch einen Arbeitsplatz und trifft die Liebe ihres Lebens.

Gilt Schwimmen als Metapher für das Meistern des eigenen Lebens wie bei den Individuen, denen es nicht nur gelang den Amerikanischen Traum in die Tat umzusetzen, sondern zugleich erfolgreiche Schwimmer waren, so ist es kein Zufall, daß Nene versucht, ihre Leidenschaft für das Schwimmen und das Überleben an ihren Freund Boris weiterzugeben – ich zögere, ihn ihren festen Freund zu nennen. Boris ist voller Wut, erlebt viele schlechte Tage jeden Monat, denn er tut nichts, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, während er die ganze Zeit darüber lügt und dennoch entdeckt wird, also sind ihre Verabredungen auch mehr schlecht als recht, wenn nicht grandiose Fehlschläge. Der Roman ist keine Variation auf Wildes Dialog-Essay «Der Verfall des Lügens», doch mehr als einmal sagt die Icherzählerin in dem Moment, da sie wieder eine der Lügen von Boris aufgedeckt hat, die Leute versuchten durch Worte die Welt zu verändern, und sie ist mit einigen Dingen im Leben erst dann versöhnt, als sie hört, wie eine Kollegin im Schwimmbad, die ihre Leiden unter ihrem Vater als Kind und Teenager mitbekommen hatte, klipp und klar feststellte, es sei ja Zeit, daß dieser Kerl unter die Erde kam. Nene brauchte jetzt keine verschleiernden Worte, sondern Klartext, um diesen mit Boris zu teilen.

Ich kann nicht umhin, mich immer wieder irischer Literatur zuzuwenden. Zwar habe ich At Swim-Two-Birds (1939) von Flann O’Brien (1911-1966) nie gelesen, doch regte mich die bloße Idee des Schwimmens als wirkungsvollem Bild an, die starke Geschichte von Nordstadt mit diesem Klassiker irischer Literatur zu assoziieren, wohingegen das Forty Foot Hole in Dublin Bai ganz das Gegenteil eines Hallenbades in einem sozialen Brennpunkt des deutschen Ruhrgebiets, wo die Natur anscheinend komplett verschwunden ist. Zumindest ist das in diesem Roman der Fall. Desgleichen ist der rein männliche Kontext  des Forty Foot Hole.

Sowohl der Vater der Icherzählerin, den sie zu sehr haßt, um ihn im Pflegeheim zu besuchen, als auch ihr Geliebter – falls man ihn so nennen kann – sind Versager, wobei Boris sich dafür haßt. Es ist unmöglich herauszufinden, was ihr Vater von sich hielt, der auch ihre Halbschwester Alma gezeugt hatte, die natürlich im Süden der Stadt lebt und mit Erfolg eine Goldschmiede betreibt – nicht zuletzt, weil die Icherzählerin ihre eigene Geschichte erzählt und es ablehnt, Geschichten über ihren Vater zu erzählen (S. 69). In jedem Fall trank er und schlug Nene, so daß sie eines Tages aus der Familie genommen wurde und später auch in die Obhut der Halbschwester kam, die dann «[ihrem] Leben seine Ordnung» gab (S. 60).

Zwar fehlen jegliche Verbindungen zwischen At Swim-Two-Birds und Ulysses, schaut man Plot-Synopsen an, doch könnte die bloße Tatsache, daß O’Brien ein Regierungsbeamter war und blieb während des Großteils seines Arbeits- und Schriftstellerlebens, Büsing dazu anregen, ihre Lehrtätigkeit beizubehalten, falls dieser Roman von Kritikern und Autorenkollegen gelobt, aber schlecht verkauft werden sollte. Das etwa galt für O’Briens Erstling, der erst 1960 populär wurde – zu einer Zeit, da Wildes überlebender Sohn es ernst damit meinte, Briefe einschließlich De Profundis unzensiert herausgeben zu lassen. Tatsächlich schreibt O’Brien nicht nur über einen Studenten von Trinity College Dublin, er war selbst einer gewesen, teilte also die Alma mater mit Wilde, nicht mit Joyce, der University College Dublin, eine katholischen Einrichtung, besucht hatte. Joyce gefiel At Swim-Two-Birds. Unnötig zu sagen, daß diese Tatsache allein, statt viele Leute anzuregen, das Buch zu lesen, sie damals davon abgeschreckt haben könnte, es zu tun, zumal Joyce es vorzog, sich als «Minderheit von einer Person» zu stilisieren. Im übrigen hatte er mehrfach öffentlich erklärt, kein Kritiker zu sein.

Wie auch immer, ich muß immer mal wieder zu irischen Literatur abschweifen, um andere Themen in diesen Blog einzuschleusen, doch wenn es eine Ähnlichkeit gibt zwischen Dublin und dem Ruhrgebiet, so gibt es an beiden Orten eine Mischung aus Menschen aus allen Lebenslagen, deren Sprachen und Idiolekte von Büsing am Leben erhalten werden, und ich hoffe, sie läßt weiterhin ihre Stimme im Chor der deutschsprachigen Literatur erklingen.

Last but not least, möchte ich auf den 100. Geburtstag von Ulysses am 2. Februar 2022 verweisen. Zuerst hörte ich von dem Buch beim Gang durch die Straßen von Unna in Westfalen vor fast fünfzig Jahren, als ich mich noch nicht darauf eingestellt hatte, einem besonderen Unna-Lekt zuzuhören – was ich vor kurzem erst wieder genoß, als ich am 28. Januar 2022 Lebensmittel auf dem Marktplatz von Unna kauft. Wer je dorthin kommt, wird Leute mit einem sehr charakteristischen Akzent Deutsch sprechen hören – und etwas sehr Ähnliches ist aus Büsings Roman abzuleiten. Dabei können wir dankbar auf das schauen, was Joyces modernes Epos für die Literatur heutzutage bedeutet: er hat der Alltagskultur Eingang in die Literatur verschafft.

Wer immer noch nicht weiß, was ich meine, sollte zu einem Buch greifen, daß ich vor 25 Jahren herausgab und in dem Joyces Ulysses in einem deutschen Kontext dargestellt und erklärt wird. Was nun Herr Bloom. Ein Almanach. «Ulysses» zum 75. Geburtstag. Daedalus Verlag Münster. Es ist noch lieferbar, und ich schäme mich nicht zu sagen, es ist noch immer aktuell.

Jörg W. Rademacher, Januar 2022

 

Bibliographie

Yves Broussard. Maße des Lebens. Mesures de la vie. Gedichte. Herausgegeben und übersetzt von Jörg W. Rademacher. Trier: WVT, 3. korrigierte Auflage. 144 S. € 15.00.

Annika Büsing. Nordstadt. Göttingen: Steidl. 128 S. Erscheint am 28. Februar 2022. € 20.00.

Jean-Louis Giovannoni. Den Toten Bewachen. Garder Le Mort. Gedichte. Nachwort von Éric Vuillard. Deutsch von Paula Scholemann und Christoph Schmitz-Scholemann. Coesfeld: Elsinor. 156 S. € 16.00.

Jörg W. Rademacher (Hg.). Was nun Herr Bloom. Ein Almanach. «Ulysses» zum 75. Geburtstag. Münster: Daedalus Verlag. 332 S. € 19,95.

NB: Abbildungen der zitierten und rezensierten Werke finden sich im englischen Blog.

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