Die Entstehung der editierten Übersetzung vom Jahr 2000 von The Picture of Dorian Gray (1890) im Kontext von Erinnerung und Dokumentation

Liebe Leser meines Blogs,

während Mai und Juni die Hauptkorrekturzeit eines aktiven deutschen Gymnasiallehrers bilden, wird das Tempo der Ereignisse in außerschulischen Welt, auch in der Literatur, nicht geringer, je mehr das Jahr in die Phase hin fortschreitet, da es schwierig scheint, einen Rhythmus durchzuhalten, der im Januar etabliert wurde. Damals galt es nur, mal wieder einem neuen Plan gemäß zu arbeiten, befeuert von einem ganzen Bündel guter Absichten.

Jetzt, da allerorten im Sport Finalspiele ausgetragen werden, wo von jedermann für den Sieg Resilienz abgefordert wird, gilt das Gleiche für schulische Prüfungen. Oscar Wilde war ja immer viel besser in den Prüfungen, als die Menschen in der Welt da draußen, oder auch seine Freunde in Dublin oder Oxford, gedacht hätten und tatsächlich noch lange nach seinem Tod dachten. So mag es noch immer manche überraschen, die nur von seiner Lebensgeschichte wissen, daß die Geschichte seiner Werke auch davon handelt, wie peinlich genau er es mit den Worten nahm, als er etwa The Picture of Dorian Gray schrieb.

Ungefähr um diese Zeit im Frühjahr 2000 erhielt ich die Mikrofilme von Manuskript und Typoskript von The Picture of Dorian Gray, versandt in zwei Päckchen aus New York City und von der University of California in L.A., nachdem ich die Dokumente mit Hilfe eines Mitarbeiters der Universitätsbibliothek Münster, Peter te Boekhorst, auf den Webseiten der beiden Bibliotheken geortet hatte. Erst viele Jahre später hatte ich zu Hause Internetzugang. Ich saß in seinem Büro, schaute ihm bei der Suche über die Schulter. All das hatte ich noch nicht gesehen.

Später, als ich die Telefonnummern herausgefunden hatte, sprach ich auch mit Debbie Coutavas von der New York City Library, stellte mir im Gespräch mit dieser freundlichen Dame die hupenden gelben Taxen vor. Sie hielt ihr Wort wie Jennifer Schaffner, ihre Kollegin bei UCLA. Denn binnen drei oder vier Tagen erhielt ich aus den Staaten beide Mikrofilme, tauchten wieder in der Universitätsbibliothek Münster auf, um den Mikrofilm des Typoskripts in einen Stapel Photokopien verwandelt zu sehen, die ich dann zu Hause bearbeiten konnte.

Just in dieser Zeit hatte ich keine unmittelbaren Geldsorgen, da mir gerade ein sechsmonatiges Stipendium für ein Buch mit Übersetzungen von Texten von Franz Hüffer und seinem Sohn Ford Madox Ford gewährt worden war. So konnte ich mich auch darauf konzentrieren, eine editierte Übersetzung des Lippincott’s-Textes vorzubereiten. Bei einem Berliner Verlag unter Vertrag, dem ich meinen Übersetzungsentwurf schon im März geschickt hatte, hatte ich gedacht, nur ein erweitertes Nachwort über die Entstehung dieser Romanversion zu verfassen, als ich darum gebeten wurde, meinen Lektor zu treffen, der zufällig übers Wochenende einen Freund in Münster besuchte.

Natürlich war ich erfreut, ihn persönlich zu treffen, denn bei früheren Vorhaben hatte es sich als recht schwierig erwiesen, mit einem Unbekannten telefonisch über Übersetzungsentwürfe zu reden. Wir vereinbarten ein Treffen in der Stadtbibliothek Münster. Tatsächlich war der freundliche Mann, dessen Namen ich vergessen habe, gebeten worden, mir eine sehr schlechte Nachricht mitzuteilen. Nachdem er in einer der großen Bibliotheken Berlins entdeckt hatte, daß entgegen meiner Annahme 1901 und 1970 bereits zwei Übersetzungen des Lippincott’s-Textes erschienen waren, hatte er diese Information an den Verlag weitergeleitet. Statt mit mir darüber zu reden, hatten sie diesem Lektor, der sein Geld als Journalist für die Börsenzeitung verdiente, die Verantwortung überlassen, mich zu überreden, eine editierte Übersetzung zu fertigen.

Es war ein gutes Gespräch über die Übersetzung, die ihm zufolge gegen die Vorgängerin von 1970 bestehen würde, es sei denn, man berücksichtige, daß der Hanser Verlag die zweibändige Wilde-Edition in den 70er und 80er Jahren fünf mal nachgedruckt habe. Ökonomisch gesprochen sollte ich dem Verlag für die Übersetzung ein Alleinstellungsmerkmal bieten, also einen unzensierten Text produzieren. Offenbar war der Lektor, von dem ich nie wieder hörte, froh, daß ich sein Ansinnen nicht bekämpfte, wie er vielleicht gefürchtet hatte. Erst da begann mein eigentliches Abenteuer der editierten Übersetzung von The Picture of Dorian Gray, wie es am 20. Juni 1890 erschienen war.

Diese Erinnerungen ergeben wie üblich nicht das gleiche Bild wie die Notizen von Anfang Mai im Tagebuch, denen zufolge der Mikrofilm aus L.A. am gleichen Tag, Freitag, der 5. Mai, ankam, als ich auch mit Thomas Hack telefonierte und wonach einen Tag nach unserem Gespräch zur Übersetzung ich aus dem Berliner Verlagsbüro einem Anruf erhielt mit dem Anweisung, «das Typoskript zu übersetzen» (Montag & Dienstag, 8. & 9. Mai 2000). Tatsächlich hatte ich die schlechte Nachricht im Anschreiben zur lektorierten Fassung des Übersetzungsentwurfs & des Nachworts am 4. Mai 2000 erhalten. In der Tat bleiben einem oft die guten Erinnerungen im Detail haften, während die schlechten als Notiz ins Tagebuch wandern – falls sie überhaupt überdauern.

Nachdem ich nun erzählt habe, wie ich dazu kam, das Typoskript des Romans zu studieren, oder, eher zu sezieren, möchte ich aktuelle Einsichten zum Text mitteilen. Da all meine Ausgaben von Wilde-Texten revidiert werden, seit die kritische Edition bei Elsinor letztes Jahr vergriffen war, möchte ich auch den englischen Text neu herausbringen. Seit der Publikation 2014 war ich wiederholt mit den Details des Romans befaßt. Denn jeder Blick verschafft mir eine neue Ansicht, während die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen anderer Herausgeber mir hilft, den Fokus auf den mehrphasigen Prozeß zu richten, in dem aus Wildes Typoskript ein publiziertes Buch wurde.

Das Internet als solches führt nicht immer zu verläßlichen Rechercheresultaten, da man bei der Eingabe von  «The Picture of Dorian Gray + typescript» etwa auch die Anzeige für eine limitierte und numerierte Edition des Manuskripts in Buchform erhält:

Das Manuskript von The Picture of Dorian Gray
Das Manuskript von The Picture of Dorian Gray

 

Selbstredend taucht eine Vielzahl von Hinweisen auf Nicholas Frankels Edition aus dem Jahr 2011 unter dem Titel “The Uncensored Picture of Dorian Gray” auf:

«The Uncensored Picture of Dorian Gray»
«The Uncensored Picture of Dorian Gray»

 

Dieses Couchtisch-Buch ist auch ein gelehrtes Werk, aber nicht die endgültige Ausgabe irgendeines Textes des Romans, nicht zuletzt da es keine Edition des Typoskripts ist, wie einige Kritiker im Gefolge der Verlagsverlautbarung auf der Vorderklappe behaupten. Interessanterweise behauptet Frankel nicht, diese Version einer anderen vorzuziehen (Brett Beasley, Abschnitt 30), da das, was er der englischsprachigen Welt verfügbar macht – und damit der Welt insgesamt – das ist, was  Beasley in «The Triptych of Dorian Gray (1890-91): Reading Wilde’s Novel as Three Print Objects» einen «Lesetext» nennt (Beasley, Anmerkung 5). Also ist dies der dritte Text, den Joseph Bristow in seiner chronologischen Edition beider Romantexte von 2005 nicht vorgelegt hatte.

Wer sucht zu verstehen, was in dieser akedemischen Diskussion auf dem Spiel steht, sollte Beasleys Erklärung seines Vorhabens anschauen: «Statt die bedeutsamen Unterschiede als zwischen Texten geschehende zu verstehen, möchte ich die bedeutsamen Unterschiede analysieren, die zwischen den Versionen als Druckobjekte bestehen.» (Brett, Abschnitt 4) Das heißt, er möchte nicht wissen, was genau in der letzten Phase des Tippens und Revidierens geschah, ehe Wilde das Typoskript nach Amerika schickte, noch das, was dort geschah, als das Typoskript gelesen und zur Publikation akzeptiert worden war.

So steht bis heute eine Ausgabe des Lippincott’s-Textes, die die Textgenese und die Akte von Zensur und Selbstzensur vor und nach dem Versand des Typoskripts aufweist, wie ich sie für den deutschen Markt 2000 vorbereitete und aus der mein englischer Lesetext abgeleitet ist (erstmals 2014 und bald revidiert wieder lieferbar) noch aus. Während rückblickend Wildes Werk im Werden – und das war «The Picture of Dorian Gray» in seinen verschiedenen Stadien vor der Publikation – im Kontext der spätviktorianischen Gesellschaft beschrieben werden muß, sollten auch die akkumulierten faktischen Details – textliche so sehr wie soziale, mit Bezug auf solche Winzigkeiten wie, etwa wer wann das Typoskript erarbeitete, diesen oder jenen Tippfehler erzeugend – in die Betrachtung einbezogen werden.

Die eben zum Ausdruck gebrachte Idee ist nur ein Ergebnis einer genauen Untersuchung des Typoskripts, um zu ermitteln, welche Gedankenstriche schon Teil desselben waren im Gegensatz zu jenen, die erst später dazu kamen. Dabei habe ich kürzlich auch die Namen der Typisten notiert. Die Aufstellung zeigt, daß einige nur ein oder zweimal dabei waren, während andere mehrfach vor der Schreibmaschine saßen.

Daher ist es ein Typoskript, an dem viele Hände beteiligt waren, das vielleicht in großer Eile entstand, wobei Wilde die Zeit fehlte, den Text so geduldig wie gewünscht zu revidieren, da auch er schließlich gegen ein Abgabedatum anschrieb und überarbeitete, denn die Leute von Lippincott’s hatten ihm einen Vorschuß verweigert, und er brauchte wie üblich dringend Geld.

Da Wildes Roman von 1890 und meine Übersetzung von 2000 primär ökonomisch bedingt waren, ist klar, daß jeder Fortschritt bezogen auf Buchproduktion für die Zukunft oder bei der Wahrnehmung von Wildes Werken als solchen auch das Ergebnis mehr oder minder ökonomischer Überlegungen waren. Mein erster Verlag und der amerikanische Verlag interessierte 2000 und 2011, einen aus dem Typoskript editierten und/oder übersetzten Roman als Sensation zu verkaufen, um ein marketingfähiges Produkt zu erhalten. Zugleich wurde die bloße Frage, was das für den zu druckenden Text bedeutet, gern vernachlässigt, wie man «ordinäre Fakten» vernachlässigt, wie Wilde es sagte und schrieb, wofür er in den letzten fünf Jahren seines Lebens teuer bezahlen mußte.

In Momenten der Krise durchlaufen die Gesellschaft, die Künste wie die Wissenschaften wichtige Veränderungen. Die digitalen Humanwissenschaften, wie Beasley sie nennt, könnten solche Veränderungen nach der Covid-19-Pandemie erfahren, und vielleicht profitieren die Wilde-Studien auch davon.

Jetzt habe ich jedoch, ganz unbescheiden, noch ein weiteres Set mit Abbildungen, nämlich Cover und Rückseite eines weiteren Sammlerstücks: meine Nr. 24 einer limitierten, numerierten und signierten Auflage mit 11 Hardcovern bei ingesamt 66 Exemplaren meiner editierten Übersetzung, die ich herausgab, als es mir finanziell möglich war.

Cover und Rückseite von Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray. Der unzensierte Wortlaut des Skandalromans, Leer, DD Druck, 2011. Einige Exemplare der Hardcover- und der Softcover-Ausgabe, jeweils numeriert, im Falle der Hardcover-Ausgabe auch signiert, sind noch verfügbar.

 

Ehe ich für heute Adieu sage, möchte ich noch daran erinnern, daß jedes Jahr im Juni nicht nur der Jahrestag der Erstpublikation von The Picture of Dorian Gray in Lippincott’s Monthly Magazine auf den 20. fällt, sondern auch, vier Tage zuvor, am 16. Juni also, der Jahrestag des Bloomsday ist, des Tages also, auf den James Joyce seinen Ulysses-Roman datiert hat.

Noch einmal vier Tage zuvor, am 12., ist der 93. Geburtstag von Anne Frank, dessen dieses Jahr in über 600 Schulen allein in Deutschland gedacht wird.

Diese Fakten genügen, um anzudeuten, daß auch Literatur, die nur oder zumeist in Übersetzung gelesen wird wie Das Tagebuch der Anne Frank; unweigerlich die Leser fasziniert, ob sie alt oder jung sind. Denn für diese Klassiker gilt Wildes Aphorismus zum Roman: «Es gibt kein moralisches oder unmoralisches Buch. Bücher sind gut geschrieben oder schlecht geschrieben. Sonst nichts.»

Während diese Worte – wie das Vorwort zu The Picture of Dorian in Gray in Buchform – keine der tragischen Ereignisse inklusive des Dramas im Gerichtssaal im Frühjahr 1895 verhinderten, zeigen sie bis heute, daß Wilde literarisch im Recht war, auf der Qualität des Schreibens zu bestehen. Wie James Joyce und auch Anne Frank mußte er für diese Konsequenz in seiner künstlerischen Art zu leben bezahlen. Beim Besuch der Werkstatt von Wildes Geist zur Untersuchung seines Romans als Werk im Werden sollten wir jedem Schriftsteller dankbar sein, der je so ein Risiko eingegangen ist.

Und, last but not least, können Sie, könnt Ihr sogar an einer Bloomsday-Feier in Nürnberg teilnehmen. Einfach die Details im letzten Bilderpaar anschauen. Maria Eger hat seit einem Vierteljahrhundert als Organisatorin jedes Jahr dafür gesorgt, daß der Anlaß denkwürdig war mit einem Schmaus für den Geist und alle Sinne. Möge das noch viele Male geschehen!

Vorder- und Rückseite der «Einladung zum Bloomsday in Nürnberg 2022»

 

Beste Grüße und Wünsche,

Jörg W. Rademacher

Bildnachweise:

Abbildung 01: https://www.finebooksmagazine.com/blog/sp-books-publishes-limited-edition-wildes-dorian-gray-manuscript

Abbildung 02: https://www.amazon.de/Picture-Dorian-Gray-Oscar-Wilde/dp/0674057929

Brett Beasley, “The Triptych of Dorian Gray (1890–91): Reading Wilde’s Novel as Three Print Objects”, web publication 2016
https://journals.openedition.org/cve/2978

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