Blog Post November 2025
Liebe Leserschaft des Oscar-Wilde-Blog.de,
in den vergangenen Monaten hat eine junge Studentin der Anglistik und Politikwissenschaft an einer großen deutschen Universität wiederholt sich mit Neuerscheinungen befaßt. Im Angesicht des näher rückenden 125. Jahrestages von Wildes Tod schreibt Fenna Reus nun über meine unzensierte Ausgabe von Das Bildnis des Dorian Gray im Zusammenhang einer aktuellen Studie der Berliner Linguistin Monika Schwarz-Friesel: Toxische Sprache. Als ich deren Erstauflage vor einigen Jahren las, veränderten Schwarz-Friesels Worte zu Oscar Wildes Szenen mit dem jüdischen Theaterdirektor meinen Blick auf diese Passagen. In der Folge überarbeitete und annotierte ich meine Übersetzung. Auch englische Ausgaben enthalten zu dem Thema meistens keinen Kommentar. Im Zusammenhang von 19. und 21. Jahrhundert entdeckten Fenna Reus mit Schwarz-Friesel durch genaues Lesen die Kontinuität des vergifteten, ja toxischen Sprachgebrauchs, die uns heute zu denken geben muß, da die Worte eben nicht verschwunden sind, sondern immer noch ihre unheimliche Macht auf uns ausüben, kraft tradierter, das heißt, unermüdlicher Wiederholung im Diskurs, gar nicht so sehr durch absichtsvolle Repetition. Auch Adalbert Stifter bezieht Fenna Reus in ihre Überlegungen mit ein – als eine Art des Gegengifts gegen toxische Sprache. Mit den besten Grüßen und Wünschen für resilientes Verhalten in kritischen Situationen, wenn es um Sprache geht – von denen es gerade jetzt täglich überall mehr als genug gibt –,
Jörg W. Rademacher
Machtworte. Macht Worte!
“Worte! Bloße Worte! Wie schrecklich sie waren! Wie klar und lebhaft und grausam! Man konnte ihnen nicht entkommen. Und doch welch feine Magie sie bargen! Sie schienen formlosen Dingen plastische Gestalt verleihen zu können und eine eigene Musik zu besitzen, so süß wie die von Bratsche oder Laute. Bloße Worte! Was war so wirklich wie Worte?” (Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray, S. 37)
Worte haben Macht. Dabei kommt uns vielleicht die Rhetorik so mancher Politikerinnen und Politiker in den Sinn, wenn von “Remigration” statt Massenvertreibung die Rede ist oder wenn die Verwendung eines einzelnen Wortes wie “Stadtbild” deutschlandweit hitzige Diskussionen entfacht. Auch wenn immer mehr Menschen sich einem bewussten Sprachgebrauch verschreiben, ist toxisches Gedankengut in den Köpfen vieler Menschen gespeichert. Von dort ist es nur ein bewusster oder unbewusster Schritt, dieses Gedankengut zu verbalisieren.
Schon in Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray in der unzensierten Ausgabe von 1890 zeichnet sich das ab, was heute wieder aktuell scheint: Sprache als Instrument der Macht. Dorian Gray vollzieht eine Entwicklung von einem für seine Verhaltensweisen und sein Aussehen respektierten jungen Mann hin zu einem Mörder. Es stellt sich die Frage, wie eine solche Entwicklung möglich ist. Die Antwort liegt im geistigen Einfluss Sir Henrys, des lebenslangen Freundes von Dorian Gray. Genauer: in der toxischen Sprache, die Sir Henry an Gray richtet.
Die Berliner Linguistin Monika Schwarz-Friesel vergleicht in ihrem Buch Toxische Sprache und geistige Gewalt – Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen Judenhass mit einem Gift, das unsere Denk- und Sprachmuster durchzieht, die Sprache mit einem Mittel und erklärt die tägliche Kommunikation zum “Tatort” (S. 8) von Judenhass. Es ist die Kommunikation und die Wortwahl Sir Henrys, die Dorian Gray zu seinen Taten bewegt.
Wie gelangt nun dieses Gift in die Köpfe der Menschen? Und wenn es dort angelangt ist, was macht es mit den Gedanken?
Durch tägliche Kommunikation werden Werte, Vorstellungen, Bewertungen und ähnliches beständig gefestigt. Das muss nicht per se schlecht sein. Das Vorhaben, “neutral” zu kommunizieren, ist eine Utopie. Dabei geht es nicht nur um die Konnotation einzelner Worte, sondern auch darum, dass ein sprachlicher Ausspruch nie losgelöst von den Denkweisen sein kann, die in der jeweiligen Sprachgemeinschaft vertreten werden.
Sprache kann nicht wertfrei sein, und das ist an sich kein grundsätzliches Problem. Problematisch wird es, wenn toxische Gedanken durch Sprache verbalisiert und damit stabilisiert werden. Sprache ist laut Schwarz-Friesel notwendig, weil wir sonst gar keine Kategorien wie etwa “Judenheit” bilden könnten, auf Basis derer Menschen diskriminiert werden. Das soll andere Einflüsse auf denkbare Vorurteile nicht leugnen, aber klarstellen, dass ein Großteil toxischer Gedanken ohne Sprache kaum denkbar wäre. Wenn wir also das Wort “Jude” in einem beleidigenden Kontext hören, reagiert unser Gehirn, bevor wir den Ausspruch rationalisieren oder reflektieren können. In dem Moment, in dem wir uns fragen, ob eine antisemitische Aussage antisemitisch war, ist das Gift also schon angekommen. Deshalb sei es für die Frage, was antisemitisch sei, auch irrelevant, welche Intention die Sprecherin hatte, da das Gehirn nicht unterscheidet, ob jemand einen Witz gemacht hat oder die Aussage ernst gemeint hat: Das Gift hat bereits gewirkt. “Wahr ist nicht, was A sagt, sondern, was B versteht” (TS, S. 86) ist damit ein relevanter Grundsatz zur Beurteilung von Aussagen.
So gelangen toxische Gedanken in die Köpfe der Menschen. Das soll niemandem einen grundsätzlichen Vorwurf machen, denn dieser Vorgang liegt oft außerhalb unmittelbaren Einflusses.
Was macht nun das Gift, wenn es im Denken angekommen ist? Beim Beispiel von “Jude” als Beleidigung formt sich ein Narrativ. “Jüdisch” wird heute noch mit Boshaftigkeit, Geiz oder Gier assoziiert, wenn entsprechende sprachliche Schemata wiederholt werden. Diese Zuschreibungen strukturieren Wahrnehmung und Erwartungshaltungen und schaffen damit die Grundlage für Diskriminierung.
Wie genau wirken sich diese Mechanismen auf Dorian Gray aus?
Dorian wird sprachlich von Sir Henry manipuliert, der laut dem Text “einen schlechten Einfluss auf all seine Freunde aus[übt]” (S. 35). Sir Henry begegnet Dorian mit einer Sprache, die gleichzeitig intellektuell, ironisch und gefährlich ist. Er stellt moralische Werte infrage, preist Hedonismus – also das Streben nach Lust und Schönheit – als Lebensprinzip und spricht über moralische Übertretungen mit Leichtigkeit und Eleganz. Seine Sprache wirkt, weil sie verführerisch klingt.
Dorian Gray sucht nach entscheidenden Ereignissen, etwa dem Selbstmord seiner Verlobten Sybil Vane., immer wieder das Gespräch mit Sir Henry (vgl. DbdDG, S. 89). Sir Henrys Haltung relativiert moralische Maßstäbe und präsentiert Selbstverwirklichung als oberstes Ziel. Durch wiederholte Suggestionen werden zuvor geltende Normen neu gerahmt: Handlungen erscheinen als Ausdruck von Individualität statt als moralische Verfehlung. Dorian internalisiert diese Sprache schrittweise. Seine Wahrnehmung der Welt und sein Selbstbild verschieben sich von einem moralisch orientierten Menschen zu jemandem, der nur noch von Selbsterhalt und Schönheit angetrieben wird.
Sir Henrys Einfluss wirkt nicht durch einzelne markante Sätze allein, sondern durch ein System aus Formulierungen, Haltungen und Bewertungen, die beständig wiederholt werden. Seine Dialoge mit Gray sind Lehrstunden in Ästhetizismus, Zynismus und Relativierung moralischer Maßstäbe. Sie rahmen das Handeln als Ausdruck von Selbstverwirklichung und befreien es so scheinbar von gesellschaftlicher Verantwortung. Dadurch werden zuvor unvorstellbare Handlungen sprachlich verfügbar und emotional attraktiv. Das Gewissen wird nicht einfach gebrochen, es wird sprachlich neu geformt.
Dorian Gray versucht anfangs durchaus, kritisch mit dem umzugehen, was Sir Henry ihm mitteilt. Er fragt sich, ob das Buch, das er von Sir Henry geschenkt bekommt, ihm schade. Nachdem er sich von Sybil Vane getrennt hat, sucht er zunächst keine Nähe zu Sir Henry, doch am Ende übernimmt er dessen Gedanken vollständig.
Sir Henry behauptet, der Selbstmord habe “etwas Schönes”, da Frauen “primitiv” (S. 89) seien und Schrecklichkeiten mögen würden. Außerdem vergleicht er Dorians und Sybils Liebesgeschichte mit einem Theaterstück, das man auch auf der Bühne sehen könne. Mit keinem Wort macht er Dorian für den Selbstmord verantwortlich, obwohl dieser aus Dorians abrupter Erklärung folgt, Sybil habe durch ihre schlechten Schauspielleistungen “seine Liebe getötet” (S. 79).
Zunächst zeigt Dorian Reue, doch Sir Henrys Einfluss verwandelt Schuld in Selbstrechtfertigung. Ohne ihn wäre Dorian nicht in der Lage gewesen, seine Gedanken zu verbalisieren. Die Worte haben ihm Zugang zu seinen Gedanken verschafft (vgl. S. 96).
Daraus ergibt sich eine zentrale Einsicht: Sprache ist notwendig, um einen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu finden, indem sie Gedanken und Empfindungen benennt. Menschlichkeit besteht aus dem Zusammenspiel von Bewusstsein und Wahrnehmung, aus dem Drang, Eindrücke zu verstehen. Manche Erfahrungen bringen uns jedoch an die Grenzen unserer Beschreibungsfähigkeit – etwa das Erleben einer Sonnenfinsternis, eines Naturphänomens, das uns die eigene Unbedeutsamkeit vor Augen führt.
In Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842 beschreibt Adalbert Stifter, dass man “nur das Gesehene malen [könne], aber schlecht, das Gefühlte noch schlechter, aber gar nicht die namenlos tragische Musik von Farben und Lichtern, die durch den ganzen Himmel liegt” (Natur Gewalt Tode Korrespondenzen, S. 69). Der Versuch, Unaussprechliches in Worte zu fassen, ist dem Menschen also zutiefst eigen: Worte geben Halt, wo Erfahrung überwältigt.
Diese Notwendigkeit, Empfindungen sprachlich zu ordnen, wird Dorian Gray von Sir Henry abgenommen. Er verliert den eigenen Zugang zu seinen Gefühlen, weil Sir Henry ihm stets Worte und Deutungen vorgibt. Dies führt Dorian zu der Aussage: “Jetzt bin ich ein Mann. Ich habe neue Leidenschaften, neue Gedanken, neue Ideen” (S. 103). Was in Wahrheit eine Indoktrination durch Sir Henry ist, erscheint Dorian als persönliche Entwicklung.
Wie schädlich dieser Einfluss wirklich war, zeigt sich an den internalisierten Gedanken Dorians und an seinen Handlungen: Er empfindet das Böse als Mittel, um seine Vorstellungen von Schönem zu erfüllen (vgl. S. 143). Das sind Gedanken Sir Henrys, der sich für die Selbstentfaltung des Menschen ohne Furcht vor moralischen Vorstellungen ausspricht (vgl. S. 179).
Dorians Handlungen spiegeln diese Sichtweise: Er löst seine Verlobung, wird zynisch, und schließlich altert nicht er, sondern sein Porträt als sichtbares Zeichen seiner inneren moralischen Zersetzung. Zunächst zeigt er sich entsetzt über den Selbstmord Sybils, verurteilt ihn aber bald als “entsetzlich pathetische” Tat. Mit der Zeit wird Dorian berüchtigt für seine Skandale; der Höhepunkt ist der Mord an Basil Hallward, dem Maler des Porträts, der Dorian immer wieder moralisch zur Rede stellt.
Das Bildnis des Dorian Gray zeigt eindrücklich, wie schädliche sprachliche Einflüsse wirken und warum sie so gefährlich sind: Sie lassen kaum Raum für kritische Reflexion, weil man ihren Effekten unmittelbar ausgesetzt ist. Man müsste sich vollständig aus allen sozialen Kontakten zurückziehen, um mit Sicherheit auszuschließen, jemals solche Denkweisen aufzunehmen. Das ist praktisch unmöglich und kein persönliches Versagen. Sich der eigenen Gedanken und des eigenen Sprachgebrauchs bewusst zu werden, heißt nicht, die historischen Konnotationen bestimmter Begriffe nicht mehr zu kennen oder die damit verbundenen Assoziationen nicht benennen zu können. Es heißt auch nicht, niemals problematische Formulierungen zu verwenden. Bewusstsein ist eine Haltung der Verantwortung, die sich darin zeigt, Fehler einzugestehen und daraus zu lernen. Sich später für eine Aussage zu entschuldigen und Verantwortung zu übernehmen ist kein Makel, sondern ein notwendiger Schritt zu einer ehrlichen statt nur performativen Auseinandersetzung miteinander.
Eng damit verbunden sind zwei oft fehlgedeutete Punkte:
Erstens ist sprachlicher Einfluss nicht per se negativ. Rhetorik kann verbinden, Gemeinsinn schaffen und Begriffe wie Solidarität oder Toleranz wirksam machen.
Zweitens schützen Bildung und Intelligenz nicht automatisch vor diesem Einfluss. Neurobiologisch reagieren wir auf sprachliche Bilder, bevor rationale Reflexion einsetzt. Deshalb können zwei Fehler passieren: unbedachter Sprachgebrauch und die irrige Annahme, man selbst sei immun gegen suggestive Bilder. Gerade diese Selbstgewissheit macht verletzlich. Empfänglichkeit für manipulative Formulierungen ist kein Alleinmerkmal von Extremen oder Populistinnen und Populisten. Sie betrifft uns alle – eben auch, man verzeihe die Wiederholung – gebildete und intelligente Menschen.
Daher sollten wir im Diskurs zwei Dinge tun:
Erstens bewusst mit Sprache umgehen und aufeinander achten. Kritik geben, wenn Formulierungen überholt oder verletzend sind.
Zweitens eine Kultur der Nachsicht pflegen: problematische Denk- und Sprechweisen sind verbreiteter, als wir gern zugeben, deshalb zählt guter Wille mehr als Perfektion. Das schließt Verantwortlichkeit nicht aus, sondern verbindet sie mit dem Ziel, einander als Menschen wahrzunehmen und im Lernen nicht stehen zu bleiben.
Fenna Reus