Fließend im Fehler machen ‒ Was wäre, wenn ausgerechnet Fehler der größte sprachliche Trumpf wären?
Wiard Raveling, früher als Fremdsprachlehrer tätig, ist seit dem Eintritt in den Ruhestand 2004 vor allem als Autor hervorgetreten. Im Frühjahr hat die „Edition Zugvögel“, das neue Imprint des Elsinor Verlags Coesfeld zwei seiner Bücher publiziert: ein kurzes mit dem Titel: Englisch, jetzt Englisch, nur noch Englisch. (Wie Deutsche und Franzosen mit Anglizismen umgehen.) Eine Streitschrift, in dem er dafür plädiert, rational statt emotional oder dogmatisch mit dem Zustrom anglophoner Wörter umzugehen; und eine Essaysammlung, in der er die Bedeutung des Lachens, die Bedeutung des Humors im Alltagsleben betont. Beide Bücher haben unsere Gastbloggerin, Fenna Reus, angeregt, ihre Ideen mit den deutsch- wie englischsprachigen Gemeinschaften zu teilen. Tatsächlich schrieb sie zuerst den Blog auf Englisch, um ihn dann ins Deutsche zu übersetzen.
Während Wilde lustigerweise im Register von Versuch und Irrtum – Trial and Error. Ich lache, also bin ich fehlt, gibt es in der alphabetisch geordneten Liste einige lustige Zitate, in dem bekannten gipfelnd: „Ich bin so klug, manchmal verstehe kein einziges Wort von dem, was ich sage.“
Spaß beim Lesen dieses ersten Blog-Posts wünscht,
Jörg W. Rademacher
Fließend im Fehler machen ‒ Was wäre, wenn ausgerechnet Fehler der größte sprachliche Trumpf wären?
Sei es das Aussprechen ungewohnter Namen oder sprachliche Unsicherheit in politisch sensiblen Konversationen: Die Sorge, etwas Kontroverses oder schlicht Falsches zu sagen, sitzt tief – vor allem bei den Deutschen. Trotz löblicher Absichten entpuppt sich diese Unsicherheit als Hürde für ehrliche und authentische Kommunikation. Anstatt sich starrer Dogmen politischer Korrektheit hinzugeben und sich in einem endlosen Wettkampf der Anglizismen zu verstricken, schlägt Wiard Raveling eine andere Perspektive vor: Nämlich trotz kritischen Hinterfragens nicht die Verspieltheit zu verlieren. Noch wichtiger erkennt er „Irrtümer“ nicht nur als natürliches Nebenprodukt direkter Kommunikation an, sondern begrüßt sie mit Freude als Weg, Vertrauen aufzubauen, Kreativität zu entfachen und Wahrheiten aufzudecken, die andernfalls unbeachtet blieben.
In seiner Sammlung von Essays „Versuch und Irrtum – Trial and Error“ zeigt Wiard Raveling mithilfe von alltagsnahen Anekdoten, dass „Versuch und Irrtum“ nicht nur eine hilfreiche Methode darstellt, sondern die Grundlage des Spracherwerbs bildet. Selbst ein fortgeschrittener Englischsprachiger würde vermutlich an der Aussprache von „Worcester“ kläglich scheitern und alles andere als „Wooster“ sagen. Raveling reiht Dutzende solcher Beispiele aneinander, um zu zeigen, dass wir alle glauben, die „richtige“ Aussprache eines Wortes zu kennen – bis wir eines Besseren belehrt werden. Der springende Punkt ist: Man glaubt, die richtige Aussprache zu kennen – bis man eines Irrtums überführt wird. Fehler zu machen liegt in der Natur der Sprache: Das Verständnis dieser feinen Variationen und Nuancen entsteht nicht aus dem Auswendiglernen eines starren Regelwerks. Stattdessen setzt dann ein Lerneffekt ein, wenn man sich mit Sprechern umgibt und Details erfasst.
Sprache ist kein System, das es zu beherrschen gilt, sondern ein Raum, den es zu erkunden gilt. Diejenigen, die den Duden fest umklammern, wenn ein Anglizismus in ihre sprachliche Komfortzone eindringt, werden sich früher oder später damit abfinden müssen, dass sich Sprache jenseits des individuellen Einflusses entwickelt. Nicht nur beweist diese defensive Haltung ein Missverständnis darüber, wie Sprache funktioniert, sondern sie spiegelt auch eine überraschend veraltete Sicht auf die sprachliche Realität wider.
Einsprachigkeit ist die Ausnahme, nicht die Regel. Raveling diagnostiziert in seiner Streitschrift „Englisch, jetzt Englisch, nur noch Englisch“ das, was er als moderne „Anglomanie“ (S. 59) bezeichnet ‒ eine unreflektierte Manie für Anglizismen, die als eine neue Art normativen Drucks fungiert, fast so starr wie das Dogma politischer Korrektheit. Stattdessen befürwortet er kritische Gelassenheit: eine spielerische, kontextabhängige Erprobung jedes Fremdworts – es wird übernommen, wenn es den Ausdruck bereichert, und verworfen, wenn es nicht überzeugt. Er verwirft sowohl die unreflektierte Nutzung von Anglizismen, aber auch eine rigorose Anti-Anglizismen-Politik, ähnlich wie Frankreichs stets aktualisierte Listen französischer Neologismen, die dazu bestimmt sind, englische Entlehnungen zu ersetzen – denn, wie er unverblümt formuliert, ist er „allergisch gegen Menschen, die auf oberflächlichste und am wenigsten reflektierte Weise der politischen Korrektheit des Zeitgeistes Folge leisten“ (S. 49).
Raveling ruft zu differenzierter Kritik anstelle von Pauschalurteilen auf. Er greift einen Zeitungswitz aus dem Jahr 1992 auf, der heutzutage vermutlich für Aufruhr sorgen würde, um zu zeigen, dass politische Inkorrektheit unter Berücksichtigung des Kontexts gelesen werden muss. Statt etwas pauschal als falsch abzustempeln, befürwortet er einen differenzierten Ansatz, der nicht nur berücksichtigt, was gesagt wird, sondern auch, wer es sagt, wie es gesagt wird und in welchem Kontext. Das ist allerdings nicht als Freifahrschein zu verstehen; ganz im Gegenteil. Lehnt man absolute Wahrheiten ab, werden tiefe Reflexion und intellektuelle Unabhängigkeit unerlässlich.
Lachen als Lingua Franca
„Ich lache, also bin ich.“ Keine Sprache ist so universell wie die Sprache des Lachens. Auch wenn es keine allgemeingültige Definition von Humor gibt, ist Lachen eine menschliche Reaktion und ein mächtiges Werkzeug, Akzeptanz gegenüber Fehlern zu fördern. Wenn wir bereit sind, die Sprachpatzer anzunehmen, dann sollten wir auch das Lachen begrüßen, das sie hervorrufen. Raveling schafft es, diese Unbeschwertheit einzufangen – sei es durch die Sammlung witziger Zitate in seinem gleichnamigen Kapitel oder durch die Sammlung von Limericks, den kurzen, humorvollen Fünfzeilern mit einem markanten Rhythmus und einem AABBA-Reimschema, die oft verspielte oder absurde Inhalte präsentieren. Humor muss nicht hochtrabend sein, um unterhaltsam zu wirken. Manchmal genügen ein einfacher Reim oder ein Wortspiel. Diese Erkenntnis ist grundlegend für einen weiteren Punkt, den Raveling hervorhebt: Manche Dinge sind einfach nur witzig. Nicht jeder Witz verlangt eine seitenlange Reflexion, bevor wir uns erlauben zu lachen. Ein offenerer und heitererer Umgang mit Humor hält uns ehrlich – und menschlich.
Wichtiger noch: Humor ermöglicht und verbessert die Kommunikation. Lachen senkt die Hemmschwelle des Sprechens, gerade wenn Fehler gemacht werden, weil es die Spannung löst und uns sanft daran erinnert, dass Perfektion überschätzt wird.
Wie wir mit unseren eigenen und den Fehlern anderer umgehen, beeinflusst unsere Fähigkeit, unsere Sprachkenntnisse zu erweitern. Wenn wir Fehler – wie Raveling vorschlägt – unvoreingenommen behandeln, bietet sich die Chance, dass Sprachlernen zu einer noch mehr verbindenden und ansprechenderen Erfahrung wird. So können wir die Angst vor dem Gespräch mit Muttersprachlern, die Unsicherheit bei unvollkommenen Formulierungen und den Drang zur Selbstzensur ablegen. Damit eröffnen wir Raum für etwas Tieferes: die Erkenntnis, dass Fehler unsere gemeinsame Menschlichkeit offenbaren – und mit dieser Erkenntnis ein sanfterer Umgang miteinander möglich wird.
Diese Vision spiegelt sich in Ravelings Essaysammlung wider. Er teilt Begegnungen aus dem echten Leben, die aus dem Aufeinandertreffen von Menschen entstanden sind, die mutig und ganz natürlich miteinander in Kontakt treten. Man denke an Marron C. Fort – einen Schwarzen aus Boston, der von einer Leidenschaft für das nahezu ausgestorbene Saterfriesische getrieben wird –, der allein durch das Sprechen mit Menschen mehrere ostfriesische Dialekte gemeistert hat. Er bemerkt sogar augenzwinkernd, dass die Einheimischen beim ersten Treffen unwillkürlich einen überraschten Blick aufsetzen, wodurch seine unerwartete Erscheinung kurzzeitig in den Hintergrund tritt.
Wiard Ravelings Vorschlag sollte selbstverständlich und gängige Praxis sein: Kommunikation humorvoll und spielerisch zu gestalten, anstatt einander wegen Unvollkommenheiten zu tadeln. Anstatt uns auf das Endergebnis zu fixieren, sollten wir vielmehr gute Absichten und Authentizität wertschätzen. Sprache bedeutet, es zu versuchen, zu stolpern und wieder aufzustehen – und offen genug zu sein, um während des Prozesses umzudenken und neu anzufangen. Viel mehr als Regeln und Syntax ist es eine Wachstumsmentalität, die das wahre Potenzial des Sprachenlernens entfaltet. Schließlich ist der einzige wirklich fatale Fehler, überhaupt nichts zu sagen – also lassen Sie uns die stille Perfektion gegen ausgelassene „Wooster“-Katastrophen eintauschen. In Ravelings Welt ist jeder sprachliche Fehltritt kein Vergehen, sondern ein Ticket zu echter Verbundenheit … und zu komödiantischem Gold.
Fenna Reus