Blog-Beitrag September 2023

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogs,

Nach langer Abwesenheit möchte meine Serie von Blog-Posts wieder aufnehmen. Stets brauchte ich  Zeit und Muße, um einen Post fertigzustellen. Dieses Mal wurde ich erneut angeregt, den jüngsten Post von John Cooper auf Oscar-Wilde-in-America zu kommentieren, bevor ich einen Ausgangspunkt für meinen eigene Beitrag zu Oscar Wildes Vortragstournee in Nordamerika fand.

Während Asbury Park, New Jersey, ein Ferienziel ist, das ich erst durch die Lektüre von Sarfraz Manzoors Memoir mit dem Titel Greetings from Bury Park (2007) kenne, das ein Art auf Bruce Springsteens erstes Album Greetings from Asbury Park (1973) ist, war ich sehr überrascht zu sehen, daß Oscar Wilde bei seiner Nordamerikatournee auch in Asbury Park vorgetragen hatte, genauer gesagt am Donnerstag, dem 24. August 1882 in Coleman House (2).

Vor diesem Ausflug an die Küste von New Jersey hatte R. d d’Oyly Carte, Wildes Tourmanager, die Route publiziert.

Erst später erschien ein kurzer Artikel zu den Ereignissen jenes Tages im Camden Daily Courier vom 2. September. Der Text, zunächst per Hand vom Bildschirm abgeschrieben, dann auf der Tastatur getippt, lautet wie folgt:

“Oscar Wilde erschien letzten Donnerstagabend im Park und rezitierte seinen Vortrag zu “The [House] Beautiful” (Das Schöne [Haus]) im Amusement Building des Coleman House. Tagsüber machte er sich rar, mied so die Schaulustigen und nötigte diejenigen, die sein künstlerisches Antlitz anzustarren wünschten, den Eintritt für seine Vorlesung zu bezahlen.”

Es lohnt sich, dieses Stück Journalismus genau zu lesen. Das hilft auch dabei zu erkennen, daß Wildes Vortragsweise durch das Verb “rezitieren” mit der Art eines Poeten verbunden wird, der Verse rezitiert.

Interessanterweise ist Asbury Park, das heutige Bruce-Springsteen-Fans nur als Schatten seines früheren fashionablen Selbst als Ferienziel und im Grunde als heruntergekommenen Ort mit einer Arbeiterklassenbevölkerung kennen, im Jahr 1882 noch sehr in Mode, attraktiv für einen Popstar seiner Zeit, den 27-jährigen Iren und selbststilisierten Ästhetikprofessor, der, ein weiteres pikantes Detail, nicht nur im “Amusement Building” sprechen soll, wo er logiert, sondern er soll auch über das “Schöne”, wenn nicht das “Schöne Haus” sprechen.

Zwischen den Zeilen wird mehr als nur angedeutet durch die Wendung “künstlerisches Antlitz”, daß Wilde selbst ein schönes Objekt ist, da er ja dem Starren jener unterworfen werden soll, die bereit sind, “den Eintritt” zu bezahlen. In Kenntnis der Photos, die in ganz Nordamerika zirkulierten, sollten wir den Abnutzeffekt der seit seiner Ankunft im Januar anhaltenden Situation, daß Wilde “Schaulustige” anlockt, nicht vernachlässigen, so daß er sich, ganz natürlich, tagsüber rar machte.

Mit zum Teil irischem und italienischem Familienerbe teilt der Singer-song-writer und Bandleader Bruce Springsteen einen Aspekt mit Wilde, der mir erst ins Bewußtsein drang, als ich genötig wurde, mich für seine Musik und sein Schreiben wie sein Leben und seine Zeit zu interessieren. Auch teilen sie den Einfluß auf ein Publikum im Saal. Zugleich war Wilde naturgemäß Solist, während Springsteen überwiegend Wert darauf legt, mit seiner Band auf die Bühne zu treten. Vielleicht können Sie nach weiteren Verbindungen zwischen den beiden suchen, ganz gleich, ob Sie die Route von Wildes Nordamerikatournee betrachten, die im Detail auf John Cooper Webseite Oscar-Wilde-in-America publiziert ist, oder in den Lyrics von Springsteens Songs nach Geschichten suchen, wo diese Berührungspunkte haben. Natürlich könnten sie ihr Publikum auch in anderen amerikanischen Städten gefesselt haben.

Der Hauptunterschied jedoch zwischen den beiden besteht darin, daß Springsteen in diesem Monat 74 Jahre alt wird, während Wilde mit 46 starb und nur etwa ein Dutzend Jahre hatte, um den Großteil seines Werkes zu produzieren. Wer also etwas findet, das zu nennen sich lohnt, möge einen Kommentar hinterlassen oder Ideen weitergeben an diejenigen mit Interesse an Wilde.

Beste Wünsche,

Jörg W. Rademacher

August/September 2023

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