Bilder einer Ausstellung

Liebe Leserschaft meines Blogs,

über Bilder zu schreiben ist etwas, woran man sich bei Oscar Wilde gewöhnt, obwohl dieser nicht viel zeichnete oder malte. Doch wurde er unendlich oft photographiert, und es gibt praktisch tausende Photos aus seiner Epoche, die sein Leben wie seine Zeit zu verstehen helfen, während ihm daran lag, seine Bücher durch Werke bildender Künstler begleitet, wenn nicht illustriert zu sehen.

Auf diese Weise könnten Wilde-Interessierte auch den Weg zu einer zeitgenössischen Künstlerin finden, die zweimal vom künstlerischen Hauptweg abwich, der bei ihr sehr breit ist, um ihre Erinnerungen aufzuschreiben. In einem Fall verband Tanya Kagan-Josefowitz tatsächlich die Zeichen- mit der Schreibkunst bei der Verfertigung eines Künstler-Memoirs über die enge Bindung, die sie mit einem winzigen Vogel erlebte. Zwei weitere Ausstellungen sind ebenfalls in Norden zu sehen: in der Ludgerikirche, dem größten romanischen Kirchbau Norddeutschlands.

Mag einerseits das Studium von Wildes Ideen über schädliche Einflüsse, wie in The Picture of Dorian Gray dargelegt, eines Tages zur Vorstellung davon führen, wie antijüdisches Empfinden eines Individuums oder auch vieler Individuen in antisemitische Ideologie verwandelt wird – im Sinne der Idee, wie Einflüsse nicht nur die wenigen, wie das im Roman skizziert wird, sondern die Masse schädigen können. Andererseits könnte Tanya Kagan-Josefowitz als ein Opfer dieser historischen Entwicklung, die planetarische Dimensionen annehmen wird, imstande sein, die Situation der Überlebenden durch Schreiben wie durch bildende Kunst zu skizzieren, wobei dokumentarische Schwarzweißphotos die nötigen Details bieten. Personen wie sie blieben ihr ganzes Leben traumatisiert durch sowohl unbeantwortete als auch nicht beantwortbare Fragen danach, warum eben sie und nicht die anderen ihrer Nächsten die Shoah überlebten.

Wer das mit eigenen Augen sehen will, sollte nicht zögern und einige der Zeichnungen und Photos anschauen, die bald in Norden, Ostfriesland, ausgestellt werden. Zu jedem Bild gibt es kurze Texte, und wenngleich Wilde hier natürlich unerwähnt bleibt, fällt es leicht, Verbindungen herstellen. Auch die Lektüre des Buches, worauf all das basiert, könnte hilfreich sein. Exemplare des gedruckten oder elektronischen Buches sind bestellbar. Und wer zufällig in die Nähe von Norden kommt, könnte auch ein Hörbuch besorgen. Letzteres soll ebenfalls in naher Zukunft durch Streaming zugänglich gemacht werden.

Nicht zuletzt ist der Ausstellungsort sehr besonders, da das Polizeikommissariat in Norden im Zweiten Weltkrieg als Hauptstelle der NSDAP diente. Bis heute ist diese Tatsache nur wenigen bekannt. Die Wände dort zu diesem Anlaß weiß zu streichen, heißt jedoch nicht, die NS-Vergangenheit des Baus endgültig abzuwaschen – in deutlichem Widerspruch zu dem, was am Anfang von Andorra, dem Stück Max Frischs, geschieht, wo das „Weißeln“ der Reinigung des schlechten Gewissens der Leute eben so sehr dient, wie es den Häusern zum Glanz in der Sonne verhelfen soll. Im Gegenteil, die Ausstellung im Polizeikommissariat abzuhalten und die Wände zu renovieren, heißt die Wahrnehmung aller für das zu schärfen, was dort in der tödlichen NS-Vergangenheit geschah – was wie an vielen anderen Orten auch hier kaum vermerkt ist – was ebenfalls in scharfem Kontrast zu den Schwierigkeiten steht, die darin bestehen, das Überleben nach dem Krieg zu organisieren, wenn das Reden über die Gründe dazu geführt hätte, in Wildes Worten „ordinäre“ Details zu erwähnen, die niemand ertragen könnte.

Beste Grüße,

Jörg W. Rademacher

P.S.

Die Biographie Oscar Wilde allgemein und sein Roman The Picture of Dorian Gray als Teil seiner Bibliographie im besonderen sind nicht frei von antisemitischen Stereotypen – oder von „toxischer Sprache“ (Monika Schwarz-Friesel). Ergebnisse einer Studie zu diesem Thema werden in Kürze als Blog-Post präsentiert. Dabei liegt der Fokus vor allem auf den Übersetzungen des Romans ins Deutsche, während Wildes eigene Texte das Typoskript und die beiden zu Lebzeiten publizierten Druckversionen betreffen.

Tanya Kagan-Josefowitz:
"Capinero. Ein Vogel. Bilder einer Ausstellung"

Polizeikommissariat Norden, vom 1. bis 22. September 2022

Willkommen zu „Capinero. Ein Vogel. Bilder einer Ausstellung.“ Mein Name ist Jörg W. Rademacher. Ich bin der Kurator und begleite Sie durch die Ausstellung.

Ein Hinweis zur Laufrichtung der Ausstellung: Sie gehen zuerst zum 3. Stock des Altbaus in den Lage-Raum, ehe Sie im  Gang und im Treppenhaus sowie im 2. Stock des Neubaus die übrigen Exponate anschauen können. Das Abenteuer der Ausstellung vollzieht sich also im Polizeikommissariat von oben nach unten statt von unten nach oben.

Der Untertitel „Bilder einer Ausstellung“, der wörtlich heute für ein so beliebtes wie berühmtes Klavier- und Orchesterstück steht, bezieht sich ursprünglich auf die Bilder eines toten Malers, befreundet mit dem Komponisten Modest Mussorgsky. Capinero, ein Vogel, ist ebenfalls tot, als Tanya Kagan-Josefowitz zu Feder und Bleistift greift, um seine Geschichte zu erzählen.

Mit detailreicher Zeichnung des kleinen Vogels stellt uns Tanya Kagan-Josefowitz ihr Lieblingstier vor. Diese Zeichnung findet sich auf dem Cover des Buches und noch mehrere Male im Buch selbst, also wurde sie auch für das Eröffnungsplakat dieser Ausstellung gewählt.

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Rasch skizziert die Künstlerin das Ferienheim der Familie in Italien, die Atmosphäre eher einfangend als Einzelheiten.

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Der Vogel singt; Mutter und drei Töchter wollen ihn haben; doch der Händler sagt nein.

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Die Mutter trägt den Käfig mit Capinero; die Töchter folgen ihr nach Hause.

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Das voll bepackte Auto, ein freundlicher Grenzer in Uniform winkt sie alle durch: Hund und Mensch und Vogel.

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Menschen, auf Stühlen sitzend, spielen Quartett; Vögel in Käfigen singen dazu im Terzett.

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Ein winziger Vogel wird aus Lebensgefahr gerettet; Sympatol und Scotch Whisky helfen dabei.

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Capinero, wie ihn auch Ornithologen zeichnen.

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vs. die Quintessenz eines sich aus Lebensgefahr heraus erholenden Vogels.

Ein „echter Überlebender“ zeigt erneut „joie de vivre“, also Lebensfreude.

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Capinero photographiert mit Touki, ein Pudel, und Tanya.

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Wie klein Capinero doch auf diesem Photo wirkt!

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Capinero ist wie ein Küken, quicklebendig, wenn auch uralt.

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Capinero in seiner Schachtel.

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Capinero paßt – so dieses Photo – auf zwei Finger einer Hand.

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An die frische Luft geholt, damit Capinero frei atmen kann.

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Tanya zum uniformierten Grenzer: „Er bleibt bei mir; wir bleiben zusammen!“

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Tanya: „Oh, mein Vogel, meine Halskette!“

Capinero inspiziert vom Tierarzt, Photo.

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Capinero in seinem Heim, Zeichnung.

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Im Flieger erwacht, weil der Vogel ausgebüxt ist.

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Tanya und Capinero vor dem Spiegel abgelichtet.

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Capinero im Joghurt verunglückt.

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Capinero soeben verstorben, in Italien, wo er auch aus dem Ei geschlüpft war.

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Capinero aus der Erinnerung gezeichnet.

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Capinero im Tode auf Tanyas Handteller abgelichtet.

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Passend zur Ausstellung ist auch die Widmung, die Tanya Kagan-Josefowitz ins Exemplar Nr. 632 des Erstdrucks der Originalausgabe gesetzt hat, denn auch hier verbindet sie Wort und Bild, sprachliches Zeichen und Zeichnung und Gesang.

 

 

Capinero. Ein Vogel gibt es als zweisprachiges Buch und E-Book, erschienen im Elsinor Verlag, Coesfeld, sowie als zweisprachiges Hörbuch, nur in Norden erhältlich.

Geschrieben und gesprochen von Jörg W. Rademacher

 

 

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