Hélas

Dieses Sonett mit französischem Titel enthält dunkle Vorahnungen des lyrischen Ichs: Was könnte ein Novembernebel nicht nur in London auslösen, wo er dieses Gedicht vermutlich schrieb? Wilde kannt die englische Metropole genausogut wie der impressionistische Maler Claude Monet, wobei Schreiben und Musik in dem Gedicht ebenfalls ihren Part erhalten. Wilde hat es offenbar unmittelbar vor der Veröffentlichung seiner Poems im Jahr 1881 verfaßt und sogleich als eine Art Präambel verwandt. Es enthält Anspielungen auf die Romantiker, das Alte Testament und Walter Pater (1839-1894), einen von Wildes Ideengebern aus Oxford, wie auch auf eine Vorahnung von Wildes Roman The Picture of Dorian Gray. (Angepaßt nach S. 183 der Sammlung).

Hélas !

Steht es dafür, daß sie sich treiben läßt

mit jeder Leidenschaft, bis jeder Wind

auf meiner Seele Laute spielt ? Wo find

ich meiner weisen Skepsis letzten Rest ?

Mich dünkt, mein Leben ist ein Palimpsest :

besudeltes Geheimnis, rätselblind,

Gekritzel und Geklingel, Dudelquint,

ein Abzählreim auf einem Kinderfest.

 

Gewiß gab’s eine Zeit––ich stieg empor

zur Sonne, aus dem Mißklang meines Lebens

drang ein Akkord, erreichte Gottes Ohr––

ist sie dahin ? Ich rührte mit dem Rohr

nur an die Süße träumerischen Strebens,

und was die Seele erbte, war vergebens ?

 

(1881)

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