Ein Anglist im Ruhestand
Rezension zu "Vergiftete Sprache"
Liebe Leser(innen) meines Blogs,
von Tag zu Tag an Oscar Wilde zu denken, fällt derzeit wohl nur denjenigen nicht schwer, die immerzu in vergangene Welten abtauchen können. Angesichts der Entwicklungen der Gegenwart ist es zwar bitter nötig, sich in der Geschichte umzusehen, um mögliche Reimwörter zu erkennen und dann entsprechend für die Zukunft zu handeln - sowohl im Leben selbst als auch auf dem Wahlzettel - aber ich verstehe schon, daß genau dieses übergreifende Denken nicht immer und nicht von jeder Person zu leisten ist. Zu diesem Zweck ist ein Buch entstanden, daß wenn auch nicht im Titel, so doch im Text selbst nicht nur, aber auch eine Brücke in die Zeit Oscar Wildes schlägt: "Vergiftete Sprache teilt und spaltet Deutschland. Ein Diskussionsbeitrag". Einige haben es bereits gelesen. Stellvertretend möchte ich eine Stimme zitieren, die auch ein persönliches Zeugnis enthält und damit belegt, wie notwendig es zu jeder Zeit ist, denjenigen zuzuhören, die länger gelebt haben und so die jeweilige Gegenwart auch einordnen können.
Ein Anglist im Ruhestand bedankt sich für den im August erschienenen Band: "Vergiftete Sprache" und schreibt weiter.
"In diesen Zeiten der AfD und anderer Neonazis ist solch ein Buch besonders notwendig und willkommen.
Klemperers LTI erschien in der DDR 1966, und das Reclamheft wurde in meinen "intellektuellen Kreisen" stark gekauft und diskutiert. Bis heute weiß ich, daß K. mitteilte, daß der in der Nazizeit sehr gängig vergebene Name Heidrun in der nordischen Mythologie die Bezeichnung für eine 'bockstolle Ziege' war.
Ich habe Klemperer einmal persönlich erlebt. Es war, glaube ich, 1957 oder 1958, da K. in der Aula der Universität Greifswald eine Vorlesung über Feuchtwanger hielt. Der körperlich kleine Mann ragte gerade mal mit dem Kopf über das Rednerpult, aber sein Vortrag war von solcher Intensität, daß er bis heute fest in meinem Bewußtsein sitzt."
Ein Leser schreibt uns, das Thema sei spannend und dürfte nie an Aktualität verlieren.
Ein anderer erkennt in der Person Victor Klemperers die historische Gestalt, die DDR-Bürgern mit der entsprechenden Analysefähigkeit es gestattete, bei der Lektüre von "LTI" die kaum zu leugnenden Zusammenhänge "zwischen offizieller NS- & DDR-Sprache" zu erkennen.
Zugleich wird Klemperers damalige Rolle als Analytiker seiner Gegenwart weitergedacht ins Heutige, wo er mehr als genug Stoff fände, "um seine Thesen fortzuführen, sie zu erweitern & die 'Eindringtiefe' der verheerenden Herrschafts-Lingua" in die Gesellschaft, verkörpert durch die Individuen, "zu registrieren".
Diese Erkenntnisse dürften jedoch nicht nur gegenwärtige Beobachter, sondern auch Klemperer selbst der Verzweiflung nahebringen, weil in der "Denk- & Sprachzerrüttung" er und andere erkennen könnten, wie gefährdet jedes Projekt der Aufklärung derzeit gerade ist.